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Vorträge
Vortrag - 13. Juni 2007

Die Verantwortung des Wissenschaftlers am Beispiel von Klaus Fuchs

Vortrag in der Bildungsakademie der Volksolidarität Berlin im Vortragszyklus "Zu aktuellen Problemen unserer Zeit und ihren historischen Wurzeln"

Am Nachmittag des 24. Juli 1945, die offiziellen Gespräche der Potsdamer Konferenz waren für diesen Tag gerade beendet worden, trat der US-amerikanische Präsident Harry S. Truman an den Leiter der sowjetischen Delegation, Josef Stalin, heran und erklärte ihm, daß die USA eine neue Waffe, eine Bombe, von außergewöhnlicher Sprengkraft entwickelt und getestet hätten. Der sowjetische Marschall Georgi Shukow, der zur sowjetischen Delegation gehörte, erinnerte sich später: "Bei dieser Mitteilung stierte Churchill ... Stalin ins Gesicht, um zu sehen, wie dieser reagieren würde. Stalin zuckte jedoch mit keinem Muskel: Er tat so, als hätte er den Worten Trumans keine besondere Bedeutung beigemessen. Churchill und viele andere britische und amerikanische Politiker meinten später, Stalin hätte die Bedeutung der Mitteilung wahrscheinlich nicht erkannt."

Doch Stalin wußte, um welche Waffe es ging: Bereits 1941 hatten ihn sowjetische Wissenschaftler auf die Möglichkeit hingewiesen, auf Grundlage der gerade erst entdeckten Kernspaltung eine Waffe von noch nie dagewesener Zerstörungskraft zu bauen, die Atombombe. Ungeachtet der Tatsache, daß der Große Vaterländische Krieg gegen Hitlerdeutschland, das die Sowjetunion im Juni 1941 wortbrüchig überfallen hatte, alle Kräfte und Ressourcen des Landes benötigte, erhielt eine zunächst kleine Gruppe von Wissenschaftlern den Auftrag, die notwendige Grundlagenforschung auf den Weg zu bringen, um auch in der Sowjetunion eine Atombombe bauen zu können. Denn die sowjetischen Geheimdienste hatten in Erfahrung gebracht, daß sowohl in Hitlerdeutschland als auch in den USA und Großbritannien an der Atombombe gearbeitet wurde.

Bei ihrer Arbeit erhielten die sowjetischen Wissenschaftler Hilfe von unerwarteter Seite: der deutsche Kommunist und Physiker Klaus Fuchs, von Hitler und seinem Regime aus Deutschland vertrieben, hatte in Großbritannien Aufnahme gefunden und war dort 1941, noch nicht einmal dreißig Jahre alt, in verantwortlicher Position in die Arbeiten zum Bau einer britischen Atombombe einbezogen worden. Von 1943 bis 1946 arbeitete er am US-amerikanischen Atombombenprogramm mit, dem Manhattan-Projekt. Er war dabei, als am 16. Juli 1945 in der Wüste von New Mexico die erste Atombombe gezündet wurde. Er kannte die wissenschaftlichen Daten, die während des nuklearen Massenmordes in Hiroshima und Nagasaki am 6. und 9. August 1945 gewonnen wurden. Er wußte, daß in den Vereinigten Staaten bereits an der nächsten Generation nuklearer Waffen, der Wasserstoffbombe, gearbeitet wurde. Alle Kenntnisse, die er gewann, alle Informationen, die er erhielt, gab er auf geheimen Wegen an die Sowjetunion weiter.

Nach seiner Verhaftung und Verurteilung als "Atomspion" im Frühjahr 1950 wurde Klaus Fuchs in der westlichen Welt zum "gefährlichsten Spion der Geschichte" und zum "Verräter an der freien Welt" erklärt. Man rätselte über seine Motive und war dankbar, daß er in seinem Geständnis für den britischen Geheimdienst etwas von einer "kontrollierten Schizophrenie" berichtet hatte. Doch nicht nur eine Geisteskrankheit, auch das Bild vom weltfremden, politisch naiven Wissenschaftler wurde gebraucht, um das Handeln von Klaus Fuchs zu erklären.

Tatsächlich war Klaus Fuchs kein Spion im eigentlichen Sinne: Niemand hatte ihn ausgeschickt oder angeworben, um Informationen zu sammeln. Und selbstverständlich ließ er sich nicht bezahlen. Die Erkenntnisse, die er an die sowjetische Seite weitergab, waren in den meisten Fällen Ergebnisse seiner eigenen wissenschaftlichen Arbeit oder sie waren von einer Gruppe von Wissenschaftlern unter seiner maßgeblichen Mitwirkung gewonnen worden.

Klaus Fuchs war zeit seines Lebens ein Wissenschaftler, der sich seiner hohen Verantwortung bewußt war, und er war immer und überall ein politisch denkender und handelnder Mensch.

So war es bezeichnend für Klaus Fuchs, daß sein Geständnis gegenüber Scotland Yard im Januar 1950, das während des nachfolgenden Prozesses im Grunde der einzige wirkliche Beweis dafür war, daß Klaus Fuchs über viele Jahre hinweg mit dem sowjetischen Geheimdienst zusammengearbeitet hatte, bereits das Kernstück seiner Verteidigung.

Einer Verteidigung allerdings, die nicht vordergründig auf juristischen Argumenten basierte, sondern vielmehr auf der Darstellung und Begründung der (politischen und ethischen) Motive, die über Jahre und Jahrzehnte hinweg sein Denken und Handeln bestimmt hatten.

Aus diesem Grund nahm der Bericht über seine Erfahrungen im antifaschistischen Kampf im Deutschland der frühen dreißiger Jahre einen vergleichsweise breiten Raum ein.

Dazu gehörte eine Episode, die Klaus Fuchs so schilderte: "Ich wurde Vorsitzender dieser Organisation [1] und wir richteten unsere Propaganda auf jene Nazi-Mitglieder, von denen wir glaubten, daß sie anständig waren. Die Nazis hatten beschlossen, ihre Propaganda gegen die hohen Gebühren zu richten, die die Studenten zu bezahlen hatten, und wir beschlossen, sie beim Wort zu nehmen, überzeugt, daß wir sie würden vorführen können. Ich führte die Verhandlungen mit den Führern der Nazi-Gruppe an der Universität und schlug vor, daß wir zusammen einen Streik der Studenten organisieren sollten. Sie wollten sich nicht festlegen, und nach ein paar Wochen entschied ich, daß es Zeit sei zu zeigen, daß sie keine Absicht hatten, wirklich etwas zu tun. Wir gaben ein Flugblatt heraus, erklärten, daß die Verhandlungen stattgefunden hätten, daß aber die Führer der Nazis sie nicht ernsthaft gewollt hätten. Unsere Politik hatte Erfolg, denn einige Mitglieder unserer Organisation hatten persönlichen Kontakt zu einigen der anständigen Nazis herstellen können. Die Nazi-Führer nahmen das offensichtlich zur Kenntnis, denn einige Zeit später organisierten sie einen Streik gegen den Rektor der Universität. Das war, als Hitler zum Reichskanzler gemacht worden war. Während dieses Streiks holten sie sich die Hilfe der SA in der Stadt, die ebenfalls vor dem Gebäude der Universität demonstrierte. Deshalb ließ ich mich dort jeden Tag blicken, um zu zeigen, daß ich keine Angst vor ihnen hätte. Doch bei einer dieser Gelegenheiten versuchten sie, mich umzubringen, ich konnte aber fliehen. ... Nach dem Reichstagsbrand mußte ich in den Untergrund gehen. Ich hatte Glück, denn an dem Morgen nach dem Reichstagsbrand verließ ich meine Wohnung sehr früh, um einen Zug nach Berlin zu bekommen, weil ich an einer Konferenz unserer Studentenorganisation teilnehmen wollte. Das ist der einzige Grund, warum ich einer Verhaftung entkam. Ich erinnere mich deutlich, daß ich die Bedeutung der Sache sofort erkannte, nach dem ich im Zug die Zeitung geöffnet hatte, und daß ich wußte, daß nun der Untergrundkampf begonnen hatte. Ich nahm mein Abzeichen mit Hammer und Sichel vom Revers, das ich bis zu diesem Zeitpunkt stets getragen hatte. Ich war bereit, die Lehre der Partei zu akzeptieren, daß die Partei recht hatte und daß im bevorstehenden Kampf irgend welche Zweifel nicht mehr erlaubt waren, wenn die Partei eine Entscheidung getroffen hatte. Ich fühlte aber ein gewisses Unbehagen wegen meines Verhaltens gegenüber den Nazis. Ich wurde selbstverständlich auf der Konferenz, die illegal in Berlin stattfand, ausgiebig gelobt, aber in meinem Inneren machte es mich nachträglich betroffen, daß wir die Flugblätter über die Führer der Nazis ohne Vorwarnung verteilt hatten, ohne ihnen ein Ultimatum zu stellen, daß wir die Studentenschaft informieren würden, wenn sie nicht bis zu einem bestimmten Termin eine Entscheidung getroffen hätten. Wenn es tatsächlich keinen anderen Weg gegeben hätte, hätte ich mir keine Gedanken weiter gemacht, aber es hätte einen anderen  Weg gegeben. Ich hatte also grundsätzliche Verhaltensregeln verletzt, ich fand keine Lösung für meine Schwierigkeit, und über dies Frage habe ich immer wieder nachgedacht."

Mehr als fünfzehn Jahre nach den geschilderten Ereignissen, im Bewußtsein der unvorstellbaren Verbrechen, die von den deutschen Faschisten in den zwölf Jahren ihrer Herrschaft begangen wurden, belastete es Klaus Fuchs noch immer, in dieser konkreten Situation Ende 1932, Anfang 1933 nach seinen Maßstäben unethisch gehandelt zu haben. Dieses Denken und Fühlen mag im Hinblick auf die deutschen Faschisten völlig fehl am Platze gewesen sein, es war und ist dennoch in gewisser Weise bewundernswert.

Ausführlich befaßte sich Klaus Fuchs in seinem Geständnis mit seiner Integration in die britische Gesellschaft, vor allem jedoch mit der Tatsache, daß die persönliche Freundschaft, die ihn mit vielen Kollegen verband, und das sich daraus ergebende Vertrauensverhältnis, für ihn ein ganz besonderes Gewicht hatten. Letztlich begründete er damit, warum er überhaupt ein Geständnis abgelegt hatte, ohne das, wie bereits erwähnt, eine Anklageerhebung und Verurteilung überhaupt nicht möglich gewesen wären.

Breiten Raum widmete Klaus Fuchs in seinem Geständnis naturgemäß seinem Verhältnis zur Sowjetunion und zur Kommunistischen Partei.

Derek Curtis Bennett, der Verteidiger von Klaus Fuchs, hatte angesichts der Tatsache, daß Klaus Fuchs bereits ein umfassendes Geständnis abgelegt hatte, während des Prozesses vor dem altehrwürdigen Strafgerichtshof Old Bailey in London kaum Spielraum, eine wirksame Verteidigung seines Mandanten zu entwickeln. Er mußte sich zwangsläufig darauf beschränken, über eine positive Interpretation der von Klaus Fuchs in seinem schriftlichen Geständnis dargelegten Motive den Richter dazu zu bewegen, von einer Verurteilung zur Höchststrafe, nach der damaligen Rechtslage vierzehn Jahre Haft, abzusehen.

Doch der Richter war keineswegs bereit, den Argumentationen des Verteidigers zu folgen, im Gegenteil. Während der Verhandlung unterbrach er mehrmals den Verteidiger, um sein Mißfallen über dessen Darlegungen zu äußern.

So hatte Derek Curtis Bennett erklärt, daß Klaus Fuchs niemals ein Geheimnis daraus gemacht hatte, Kommunist zu sein. "Wollen Sie damit etwa sagen", so die wenig freundliche Zwischenfrage des Richters, "daß diese Tatsache den Behörden bekannt war?" Und: "Ich nehme kaum an, daß er während des Einbürgerungsverfahrens oder bei seiner Einstellung in Harwell - oder als er in die USA ging - sich selbst als Kommunist bezeichnet hat."

Schließlich unternahm Derek Curtis Bennett einen letzten, beinahe schon verzweifelt zu nennenden Versuch, dem Richter Überlegungen zu unterbreiten, die helfen sollten, eine Verurteilung zur Höchststrafe zu vermeiden. Dabei stützte er sich auf die Tatsache, daß sich einige wesentliche Punkte der Anklage auf eine Zeit bezogen, zu der die Sowjetunion im Rahmen der Anti-Hitler-Koalition noch ein enger Verbündeter Großbritanniens war: "1943 oder auch 1945, als Amerika unserem Verbündeten Rußland half, war es schwer zu erkennen, daß Informationen, die an Rußland gegeben wurden, nachteilig für unseren Staat sein könnten. … Die Veränderungen in politischen Bündnissen sind nicht die Sache der Wissenschaftler, denn Wissenschaftler haben nur sehr selten politisches Wissen. Ihre Gedanken entwickeln sich entlang klarer Linien, ohne die Flexibilität, die andere Menschen möglicherweise haben."

Mit dieser Darlegung hatte sich Derek Curtis Bennett ohne jede Frage über die Grenzen der Verteidigung hinweggesetzt, die sein Mandant vorgegeben hatte: Klaus Fuchs sah sich - und das völlig zu Recht -  keineswegs als weltfremder Wissenschaftler, dem die politischen Entwicklungen ein großes Geheimnis blieben. Er war im Gegenteil ein politisch denkender und politisch handelnder Mensch. Und ganz offensichtlich hatte er die Zusammenarbeit mit dem sowjetischen Geheimdienst nicht gesucht, weil die Sowjetunion Verbündeter Großbritanniens im Krieg gegen Hitlerdeutschland war, sondern weil er als Kommunist in der Sowjetunion seine politische Heimat sah.

In seinem schriftlichen Geständnis hatte Klaus Fuchs das so formuliert: "Kurz nach meiner Entlassung wurde ich aufgefordert, Prof. Peierls in Birmingham bei einer kriegswichtigen Arbeit zu helfen. Ich akzeptierte und begann zu arbeiten, ohne zunächst zu wissen, um was für eine Arbeit es sich handelte. Ich möchte bezweifeln, daß es irgend einen Unterschied für mein nachfolgendes Handeln gemacht hätte, wenn ich die Natur dieser Arbeit vorher gekannt hätte. Als ich erfuhr, welchem Zweck meine Arbeit diente, beschloß ich, Rußland zu informieren, und ich stellte den Kontakt über ein anderes Mitglied der Kommunistischen Partei her. Seit dieser Zeit habe ich fortgesetzt Kontakt zu Personen gehabt, die mir vollkommen unbekannt waren, abgesehen davon, daß ich wußte, daß sie jegliche Information, die ich ihnen gab, an die russischen Behörden weiterleiteten. Zu dieser Zeit hatte ich vollkommenes Vertrauen in die russische Politik, und ich glaubte, daß die westlichen Alliierten vorsätzlich zuließen, daß Rußland und Deutschland einen tödlichen Kampf gegeneinander führten. Ich hatte deshalb keinerlei Vorbehalte, alle Informationen, die ich hatte, weiterzugeben, auch wenn ich gelegentlich bestrebt war, mich auf jene Informationen zu konzentrieren, die das Ergebnis meiner eigenen Arbeit waren."

Viele Jahre später, in der DDR, konnte er sich zu seinen Motiven noch deutlicher äußern: "Ich habe mich nie als Spion gesehen. Ich konnte nur nicht verstehen, warum der Westen nicht bereit war, die Atombombe mit Moskau zu teilen. Ich war der Ansicht, daß etwas mit einem so ungeheuren Vernichtungspotential den Großmächten in gleichem Maße zugänglich sein mußte. Die Vorstellung, daß eine Seite in der Lage sein sollte, die andere mit einer solchen Waffe zu bedrohen, fand ich einfach entsetzlich. Das wäre so gewesen, als würde ein Riese auf Liliputanern herumtrampeln. Ich hatte nie das Gefühl, mir etwas zuschulden kommen zu lassen, als ich Moskau mein Geheimwissen zur Verfügung stellte. Es wäre mir wie ein sträfliches Versäumnis erschienen, das nicht zu tun."

Allerdings berichtete Klaus Fuchs in seinem schriftlichen Geständnis Ende Januar 1950 auch davon, daß er in den vorangegangenen Jahren zunehmend Zweifel gehabt hatte, ob angesichts der politischen Verhältnisse in der Sowjetunion eine weitere Übergabe von Informationen noch zu rechtfertigen war. Ohne Frage wird es diese Zweifel gegeben haben, doch sie dürften keineswegs so schwerwiegend und folgenreich gewesen sein, wie Klaus Fuchs das in seinem Geständnis in Erwartung seines Prozesses darlegte.

Interessant sind in diesem Zusammenhang die Äußerungen der legendären Ruth Werner, die unter dem Decknamen "Sonja" jahrzehntelang selbst für den sowjetischen Geheimdienst gearbeitet hatte und die zur gleichen Zeit wie Klaus Fuchs in Großbritannien lebte, allerdings nicht in einem solchen Maße von ihren Genossen isoliert war wie Klaus Fuchs. In ihrem autobiographischen Buch "Sonjas Rapport" berichtete sie über ein Gespräch mit einem hochrangigen Vertreter des sowjetischen Geheimdienstes, das unmittelbar nach ihrer Rückkehr aus Großbritannien im Frühjahr 1950 stattfand. Im Verlaufe dieses Gespräches wurde sie auch zu den Äußerungen von Klaus Fuchs befragt, daß er sich von der Sowjetunion gelöst habe. Sie schrieb: "Für mich war das unglaubwürdig. Klaus kämpfte wie andere Kommunisten, wo immer sie sich befanden, gegen den deutschen Faschismus, dem diente in diesen Jahren seine Teilnahme an dem USA-England-Militärprojekt, dem die Nazis auf keinen Fall zuvorkommen sollten. Er arbeitet ehrlich daran mit, hatte Freunde unter den englischen Wissenschaftlern seines Fachgebietes und war, sicherlich seinem Charakter und seiner Intelligenz entsprechend, beliebt. Als Kommunist wußte er um die Halbherzigkeit des Kampfes kapitalistischer Länder, er brauchte ja nur das Hinauszögern der zweiten Front - des Truppenangriffs von England und den USA auf Hitlerdeutschland - zu beobachten. Für ihn war es eine klare eindeutige Entscheidung, die Ergebnisse des Projekts dem einzigen sozialistischen Land zur Verfügung zu stellen, das die Hauptlast im Krieg gegen den Faschismus trug und dessen Weltanschauung die seine war.

In mehreren Veröffentlichungen wird gesagt, daß an seinem Geständnis auch die Abscheu über die stalinistischen Repressalien mitgewirkt habe. Sicher hat es auch für Klaus Fuchs diese schwere Auseinandersetzung gegeben; aber nicht vor dem XX. Parteitag der Sowjetunion 1956 mit Chruschtschows Enthüllungen über Stalin. Vorher kann es nicht gewesen sein. Meines Wissens war Klaus, während er sein Material übermittelte, niemals in der Sowjetunion gewesen. Und selbst ein Besuch dort hätte kaum die Möglichkeit geschaffen, in Kontakt mit diesen negativen Ereignissen zu kommen, die übrigens vor 1956 vom sowjetischen Volk noch nicht als Stalins Verbrechen angesehen wurden.

Ich bin überzeugt davon, daß Klaus Fuchs sich niemals von der Sowjetunion entfremdet hat. Neun Jahre lang hat er sein wissenschaftliches Material der Sowjetunion zur Verfügung gestellt, aus seiner politischen Überzeugung heraus, neun Jahre hat er dafür in England im Gefängnis gesessen."

Offensichtlich war Ruth Werner in diesem Gespräch doch noch deutlicher geworden, als das in ihrer autobiographischen Schrift, die ja für einen großen Leserkreis bestimmt war, erkennbar wurde. Im Archiv des russischen Geheimdienstes ist ein Vermerk über dieses Gespräch erhalten geblieben: "Vom politischen Standpunkt aus," so wird Ruth Werner dort zitiert, habe sich Klaus Fuchs durch sein Geständnis "als Schwächling" gezeigt. Und weiter: "Sein Geständnis war nicht das Ergebnis einer bösen Absicht, sondern seiner politischen Unreife."

Tatsächlich kann man Klaus Fuchs den Vorwurf einer gewissen Naivität in seinem Verhältnis zur Sowjetunion, oder richtiger, in seinem Verständnis der in der Sowjetunion real existierenden Herrschaftsverhältnisse, machen. Sowohl in seinem schriftlichen Geständnis als auch in einem Gespräch mit seinem langjährigen Freund und Mentor Rudolf Peierls, der ihn noch vor dem Prozeß im Londoner Untersuchungsgefängnis besuchte, machte Klaus Fuchs deutlich, daß er mit seiner nachrichtendienstlichen Arbeit für die Sowjetunion das Recht erworben zu haben glaubte, gegenüber der sowjetischen Staats- und Parteiführung die Politik der Sowjetunion grundsätzlich kritisieren zu dürfen. Mehr noch, er war überzeugt, daß dieser Kritik seitens der sowjetischen Führung auch die entsprechende Bedeutung beigemessen werden und sie deshalb auch Wirkung zeigen würde. Wörtlich hatte er in seinem Geständnis formuliert: "... ich kam schließlich zu dem Punkt, daß ich mit vielen Handlungen der Russischen Regierung und der Kommunistischen Partei nicht mehr einverstanden war, aber ich glaubte noch immer daran, daß sie eine neue Welt aufbauen würden und daß ich daran eines Tages teilhaben würde und daß ich deshalb eines Tages würde aufstehen können und sagen, daß es Dinge gibt, die sie falsch machen." Doch verringert diese tatsächlich naive Auffassung in einer einzelnen Frage in keiner Weise den prinzipiellen Wert der selbstlosen und in jeder Beziehung uneigennützigen Motive von Klaus Fuchs.

Es waren wohl drei hauptsächliche Faktoren, die Klaus Fuchs zu der grundsätzlichen Entscheidung brachten, der Sowjetunion seine Kenntnisse und Erkenntnisse über die Entwicklung und den Bau der Atombombe zunächst in Großbritannien und später in den USA zur Verfügung zu stellen und zu diesem Zweck über viele Jahre hinweg mit dem sowjetischen Geheimdienst zusammenzuarbeiten:

Erstens war es seine bereits erwähnte grundsätzliche politische Position als Kommunist, aus der ein besonderes Verantwortungsgefühl gegenüber der Sowjetunion erwuchs. Diese Haltung wurde letztendlich auch von seinen politischen Feinden anerkannt. Edward Teller beispielsweise, der - allerdings zu Unrecht - als "Vater der US-amerikanischen Wasserstoffbombe" gilt und dessen Antikommunismus mit zunehmendem Alter beinahe schon pathologische Züge annahm, erklärte bereits in den fünfziger Jahren: "Weder verteidige noch entschuldige ich die von Fuchs betriebene Spionage, aber ich bin überzeugt, daß er spionierte, weil er glaubte, daß er die richtige Sache tat für das Land und für die politische Philosophie, denen seine Treue galt."

Zweitens sah Klaus Fuchs, unabhängig von seinen sonstigen weltanschaulichen Positionen, die besondere Verantwortung des Wissenschaftlers, eine Verantwortung, die in seinem Verständnis eben nicht an den Grenzen eines Landes endete, sondern die gesamte Menschheit umfaßte. Die zahlreichen Wissenschaftler, die am Bau der ersten Atombombe teilgenommen hatten oder zur Teilnahme aufgefordert worden waren, hatten die Frage nach ihrer persönlichen Verantwortung auf unterschiedliche Art und Weise beantwortet: Max Born zum Beispiel, der verehrte Lehrer von Klaus Fuchs im schottischen Edinburgh, hatte die Mitarbeit von Anfang an verweigert, weil er die Atombombe als eine "teuflische Erfindung" sah. Joseph Rotblat schied im Dezember 1944 auf eigenen Wunsch aus dem Manhattan-Projekt zum Bau einer US-amerikanischen Atombombe aus, weil er erkannt hatte, daß es kein deutsches Atombombenprogramm gab, dem man zuvorkommen mußte, und daß die Atombombe eine Waffe für den aufziehenden Kalten Krieg nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sein sollte. Er begründete später die Pugwash-Konferenzen, eine internationale Friedensbewegung der Wissenschaftler, und erhielt als einziger Teilnehmer des Manhattan-Projekts den Friedensnobelpreis - für seinen Kampf gegen die Atombombe. Klaus Fuchs schließlich sah seinen "Ausweg aus einer ausweglosen Lage", wie sein Vater Emil Fuchs es formulierte, in der Mitarbeit beim Bau der Atombombe und der Weitergabe aller relevanten Informationen an die Sowjetunion.

Und drittens war es das lebendige und gelebte Beispiel seines eben erwähnten Vaters Emil Fuchs, das das Denken und Handeln von Klaus Fuchs in einem nicht zu überschätzenden Maße prägte. Obwohl Klaus Fuchs Atheist war und den christlichen Glauben seines Vaters nicht teilte - wohl aber respektierte! - handelte er auch und gerade in Überstimmung mit den Grundsätzen, die sich sein Vater, in Anlehnung an Martin Luther, zur Lebensmaxime gemacht hatte: Immer genau das zu tun, was man selbst als richtig empfand und was das eigene Gewissen zu tun befahl, ohne Rücksicht auf die Meinungen, Regeln und Erwartungen der eigenen Umgebung.

Es gehört zu den traurigen Tatsachen im Leben von Klaus Fuchs, daß die verantwortlichen Führungskräfte im sowjetischen Geheimdienst die politischen und ethischen Motive von Klaus Fuchs wohl als nicht ausreichend für eine langfristig stabile Zusammenarbeit betrachteten. Anders die sind wiederholten Versuche sowjetischer Geheimdienstmitarbeiter nicht zu erklären, Klaus Fuchs durch die Übergabe von vergleichsweise unbedeutenden Geldsummen de facto zu kompromittieren und so stärker an den sowjetischen Geheimdienst zu binden. In diesem Zusammenhang muß auch die Tatsache erwähnt werden, daß von sowjetischer Seite der Beitrag von Klaus Fuchs zur Entwicklung und zum Bau der ersten sowjetischen Atombombe niemals offiziell gewürdigt wurde. Selbst der Vorschlag, der Anfang der sechziger Jahre aus sowjetischen Geheimdienstkreisen unterbreitet wurde, Klaus Fuchs in Anerkennung seiner wissenschaftlichen Leistungen als Mitglied der sowjetischen Akademie der Wissenschaften zu berufen und damit indirekt auch seine geheime Arbeit für die Sowjetunion zu würdigen, wurde von der sowjetischen Führung abgelehnt.

Tatsächlich hätte eine solche Berufung auch als Kompensation für andere wissenschaftliche Ehrungen gesehen werden können, die Klaus Fuchs möglicherweise zuteil geworden wären, hätte er nicht seine wissenschaftliche Laufbahn zugunsten der geheimen Zusammenarbeit mit der Sowjetunion aufs Spiel gesetzt: Unmittelbar nach der Verhaftung von Klaus Fuchs war in der britischen Öffentlichkeit auch die Frage nach den Qualitäten von Klaus Fuchs als Wissenschaftler diskutiert worden. Noch kurz vor der Enttarnung und Verhaftung von Klaus Fuchs hatte John Cockcroft, der Direktor des britischen Kernenergieforschungszentrums in Harwell und damit der unmittelbare Vorgesetzte von Klaus Fuchs, erklärt, daß er Klaus Fuchs als eine der Schlüsselpersönlichkeiten der gesamten Kernenergieforschung in Großbritannien und als einen der ersten Anwärter auf einen Lehrstuhl für mathematische Physik an einer der führenden Universitäten Großbritanniens betrachten würde, sollte ein solcher Lehrstuhl vakant werden. Und bereits 1948 hatte Rudolf Peierls die Berufung von Klaus Fuchs in die Royal Society, also die Königliche Gesellschaft, die britische Entsprechung einer Akademie der Wissenschaften, mit einer bis in die Zeit von Isaac Newton zurückgehenden Tradition, angeregt. Er wurde dabei von John Cockcroft nachdrücklich unterstützt.

Doch auch nach der Enttarnung und Verurteilung von Klaus Fuchs wurden seine wissenschaftlichen Fähigkeiten von maßgeblichen Kollegen zu keinem Zeitpunkt in Frage gestellt, im Gegenteil. Rudolf Peierls und auch Edward Teller beispielsweise erklärten unabhängig voneinander in Interviews, daß Klaus Fuchs bei einer ungebrochenen wissenschaftlichen Laufbahn auch ein Kandidat für einen Physik-Nobelpreis gewesen wäre.

Mitte der fünfziger Jahre, Klaus Fuchs befand sich zu diesem Zeitpunkt bereits seit einigen Jahren in britischer Haft, erklärte sein Vater Emil Fuchs gegenüber dem Zukunftsforscher Robert Jungk, der als einer von nur wenigen westlichen Publizisten bereits zu diesem vergleichsweise frühen Zeitpunkt bemüht war, Klaus Fuchs Gerechtigkeit widerfahren zu lassen: Mein Sohn "trägt sein Los tapfer und entschlossen und klar. Nach englischem Gesetz ist er zu Recht verurteilt. Aber es muß ja immer wieder Menschen geben, die solche Schuld auf sich nehmen (bei Tauroggen) und die Folgen starken Willens tragen, weil sie meinen, daß sie klarer sehen als die Machthaber, die in diesem Augenblick entscheiden. Sollte nicht schon klar sein, daß er auch im Interesse des englischen Volkes klarer handelte als seine Regierung? Dabei riskierte er eine glänzende, hochbezahlte Stellung und eine noch glänzendere Zukunft. Ich kann nur in Ehrfurcht mich seiner Entscheidung beugen. Wer kann wissen, wie er entschieden hätte in solcher Lage?"

Anmerkung

[1] Einer Studentenorganisation an der Kieler Universität, der sowohl Mitglieder der KPD als auch der SPD angehörten. Klaus Fuchs war zu diesem Zeitpunkt bereits aus der SPD ausgeschlossen worden und Mitglied der KPD geworden.

Letzte Änderung: 16. Dezember 2020