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Ausgewählte Artikel - 2022
junge Welt - 1.Juli 2022

Aufstand an der Copacabana

Mit einer militärischen Rebellion in Brasiliens Hauptstadt nahm vor einhundert Jahren die Bewegung der »Tenentes« ihren Anfang

Anfang der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts hatte sich die später so bezeichnete »Alte Republik« in Brasilien endgültig überlebt. 1888 war die Sklaverei beseitigt worden, die als nicht mehr zeitgemäß galt, vor allem aber nicht mehr den Erfordernissen der wirtschaftlichen Entwicklung entsprach. Die Monarchie wurde 1889 gestürzt, die erste republikanische Verfassung trat 1891 in Kraft. Gestützt auf die exportorientierte Produktion von Kaffee und – in deutlich geringerem Maße – die Viehzucht erreichte das Land in den folgenden Jahren und Jahrzehnten einen gewissen Wohlstand, von dem allerdings die übergroße Mehrheit der Bevölkerung ausgeschlossen blieb.

Die politische Stabilität basierte auf der weitgehenden Autonomie der Bundesstaaten, die von regionalen Oligarchen beherrscht wurden, den sogenannten Coroneis. Sie waren nicht nur die größten Landbesitzer, sie verfügten oftmals über eigene bewaffnete Truppen, die ihre persönliche Macht sicherten. Der Kandidat für das Amt des Staatspräsidenten kam abwechselnd aus den beiden mächtigsten Bundesstaaten São Paulo und Minas Gerais, ernstzunehmende Gegenkandidaten gab es nicht. Dieses politische Konzept wurde regelmäßig als »Café com leite«, als »Kaffee mit Milch«, bezeichnet und verwies auf die wichtigsten Produkte der beiden dominierenden Bundesstaaten.

Der Erste Weltkrieg, bei dem Brasilien auf der Seite der Entente stand, ohne selbst militärisch aktiv zu werden, brachte einen dramatischen Einbruch bei der Nachfrage nach Kaffee. Brasilien stürzte in eine tiefe ökonomische Krise. Die bereits seit Jahren andauernde Landflucht, Ergebnis der zunehmend kapitalistischen Entwicklung des Agrarsektors, nahm dramatische Ausmaße an und veränderte die sozialen Verhältnisse in den großen Städten grundlegend. Durch die strukturelle Arbeitslosigkeit entstand eine Reservearmee billiger Arbeitskräfte, was wiederum eine Vielzahl sozialer Probleme zur Folge hatte – Hunger, Obdachlosigkeit, ein nichtexistentes öffentliches Gesundheitssystem, das Fehlen elementarer Bildungsmöglichkeiten usw.

Die tiefgreifenden wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen in Brasilien blieben nicht ohne Auswirkungen auf das politische System. Innerhalb der herrschenden Klasse formierte sich eine Bewegung, die sich als »Republikanische Antwort« bezeichnete und die ihre Basis vor allem in den Bundesstaaten Rio de Janeiro, Rio Grande do Sul, Bahia und Pernambuco hatte. Ihr vorrangiges Ziel war es, einen Politiker aus den eigenen Reihen in das höchste Staatsamt zu bringen. Doch auch die Mittelschichten, insbesondere das städtische Kleinbürgertum, forderten eine Neuverteilung der politischen Macht. Die Dominanz der Oligarchen aus São Paulo und Minas Gerais, das war die verbindende Idee, sollte gebrochen werden.

Damit gewannen die Präsidentschaftswahlen vom 1. März 1922 eine ganz besondere Bedeutung, denn die Entscheidung zwischen Artur Bernardes aus Minas Gerais und Nilo Peçanha aus Rio de Janeiro wurde nun plötzlich zu einer Richtungsentscheidung, die Auswirkungen weit über die Amtszeit des gewählten Kandidaten haben würde. In diesem politischen Umfeld war es von besonderer Bedeutung, dass sich auch eine größere Zahl junger Offiziere des Heeres und Schüler der einflussreichen Militärschule von Realengo, einem Stadtteil der damaligen Hauptstadt Rio de Janeiro, der Oppositionsbewegung anschlossen und die Kandidatur Peçanhas unterstützten. Sie setzten auf eine »Moralisierung« des öffentlichen Lebens und forderten »Anstand« in der Politik. Und sie forderten eine Modernisierung des Wahlsystems. Es sollte künftig nicht nur auf dem Papier geheime und gleiche Wahlen geben. Das war kein explizit politisches oder gar revolutionäres Programm, doch es war Ausdruck eines allgemein verbreiteten Wunsches nach grundlegenden Veränderungen: Anfang 1922 herrschte in Brasilien eine allgemeine Aufbruchsstimmung. Die Bedingungen waren gegeben, um ein »revolutionäres Klima«[1] entstehen zu lassen.

Dennoch ging Artur Bernardes als Sieger aus den Präsidentschaftswahlen hervor. Als am 7. Juni 1922 das – letztlich doch erwartete – Wahlergebnis verkündet wurde, kam es in Pernambuco und anderen Landesteilen umgehend zu massiven Protesten, die jedoch von der Bundesregierung gewaltsam niedergeschlagen wurden.

Am 5. Juli 1922 erhob sich in Rio de Janeiro eine Gruppe junger Offiziere, die in einem Fort an der Copacabana stationiert waren. Ihr Ziel war es, den Amtsantritt des gewählten Präsidenten am 15. November 1922 zu verhindern. Der Weg dorthin sollte über den Sturz des noch amtierende Staatsoberhauptes Epitácio Pessoa führen. Doch regierungstreue Truppen, mehr als dreitausend Mann, griffen umgehend die rebellierende Festung an. Bevor es zu echten Kampfhandlungen kam, kapitulierten die fast 300 Angehörigen der Besatzung. Doch eine kleine Gruppe – 17 Militärs und ein Zivilist – verließen leichtbewaffnet die Festung und marschierten gemeinsam über die berühmte Avenida Atlántica in Richtung des Stadtteils Leme. Sie wollten, auch um den Preis des eigenen Lebens, ein Zeichen für einen Aufstand gegen die »Alte Republik« und deren maßgebliche Repräsentanten setzen. Dem erwarteten und wohl unvermeidlichen Angriff der Regierungstruppen fielen sechzehn der achtzehn Rebellen zum Opfer.

Die Aktion ging als »Erhebung der Festung Copacabana« oder auch als »Aufstand der Achtzehn« in die brasilianische Geschichte ein. Die Regierung Brasiliens war zu keinem Zeitpunkt in Gefahr gewesen, und doch veränderte dieser 5. Juli 1922 das Land. Denn mit diesem Tag verbindet sich bis heute die Entstehung des »Tenentismo«, der Bewegung der »Tenentes«, also junger Offiziere. Der »Tenentismo« blieb bis in die Mitte der dreißiger Jahre ein wichtiger Faktor der brasilianischen Politik und beeinflusste lange darüber hinaus das Denken und Handeln progressiver lateinamerikanischer Militärs.

Die Regierungsbehörden reagierten auf den Aufstand an der Copacabana auf die denkbar ungeschickteste Art und Weise: Die übergroße Mehrzahl der in Rio de Janeiro stationierten jungen Offiziere, die unter dem Generalverdacht der Teilnahme an der Verschwörung vom 5. Juli 1922 oder zumindest ihrer Billigung standen, wurde umgehend in entlegene Landesteile versetzt. Das hatte zur Folge, dass die Idee der Rebellion nicht auf die Hauptstadt beschränkt blieb, sondern nun auch Gegenden weitab der großen Bevölkerungszentren entlang der Atlantikküste erreichte.

Zu diesen Offizieren gehörte auch Luis Carlos Prestes, der in späteren Jahren den Weg in die Kommunistische Partei fand und als »Ritter der Hoffnung« auch mehr als drei Jahrzehnte nach seinem Tod in Brasilien noch immer einen legendären Ruf genießt.

Prestes, der Dienst beim militärischen Eisenbahnbau tat, hatte den 5. Juli 1922 wegen einer Typhuserkrankung auf dem Krankenlager verbringen müssen, eine Tatsache, die er auch nach Jahrzehnten nur sehr unwillig akzeptierte. Er betonte deshalb zeitlebens, dass er zwar dank der Verschwiegenheit seiner Mitverschwörer von strafrechtlichen Konsequenzen verschont blieb, dass er aber – wegen eines dringenden Verdachts, den seine Vorgesetzten gegen ihn hegten, ohne jedoch wirkliche Beweise zu haben – trotzdem strafweise in eine entlegene Kleinstadt im Bundesstaat Rio Grande do Sul versetzt wurde.

In den folgenden zwei Jahren kam es in verschiedenen Landesteilen Brasiliens wiederholt zu kleineren Aufständen Selbst im fernen Amazonasgebiet regte sich der Widerstand gegen die »Alte Republik«: Eine »Comuna de Manaus« übernahm zeitweise die politische Macht. Erst nach mehreren Wochen gelang es regierungstreuen Truppen, die Rebellen niederzuwerfen und die alte Ordnung in der Stadt wiederherzustellen.

Doch der Höhepunkt der Ereignisse des Jahres 1924 war die »Revolution von São Paulo«, die am 5. Juli 1924, dem zweiten Jahrestag des Aufstandes in Rio de Janeiro, ihren Anfang nahm. Die Rebellion in der Hauptstadt des gleichnamigen Bundesstaates dauerte mehr als drei Wochen. Wiederholt ließ Staatspräsident Bernardes zivile Wohngebiete bombardieren – es war das erste Mal in der Geschichte Lateinamerikas, dass Bombenflugzeuge gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt wurden.

Angesichts einer drohenden militärischen Niederlage zogen sich die Aufständischen Ende Juli 1924 aus São Paulo zurück. Sie begannen einen Marsch in Richtung Süden, wo sie sich mit Aufständischen aus anderen Landesteilen zusammenschließen wollten.

Knapp vierzig Jahre nach diesen Ereignissen, im Januar 1973, berichtete Luis Carlos Prestes: »Da wir vom Aufstand in São Paulo verspätet erfuhren, konnten wir einige im Bundesstaat Rio Grande do Sul stationierte Einheiten erst am 29. Oktober [1924], d. h. um Monate später, zum Aufstand veranlassen. Bedrängt von den Regierungstruppen, setzten sich unsere Truppenteile nach Norden in Bewegung und vereinigten sich mit den Aufständischen aus São Paulo. Aus den verbliebenen Kräften (viele hatten zu dieser Zeit den Kampf aufgegeben) wurde eine Kolonne gebildet, die mehr als 1.000 Mann stark, aber schlecht bewaffnet war und kaum Munition besaß. Die Kolonne sollte – das war unser Plan – Kräfte der Reaktion fesseln und auf diese Weise unseren Kameraden in der Hauptstadt helfen, das Staatsoberhaupt zu stürzen. Zu jener Zeit hatten wir keine anderen politischen oder sozialen Ziele.«[2]

Dieses von Prestes geschilderte Zusammentreffen von aufständischen Truppen aus den Bundesstaaten São Paulo und Rio Grande do Sul fand am 12. April 1925 nahe der Stadt Foz do Iguaçu im Bundesstaat Paraná statt. Dort konstituierte sich die »Erste Revolutionäre Division«, die sehr bald unter dem Namen »Coluna Prestes« berühmt und legendär wurde.

In den folgenden rund zwei Jahren legte die Kolonne kämpfend einen Weg von mehr als 25.000 Kilometern zurück. Die Angehörigen der »Coluna« durchquerten dabei dreizehn brasilianische Bundesstaaten. Luis Carlos Prestes erinnerte sich: »Die Taktik der schnellen Märsche, bei der wir Zusammenstößen mit überlegenen Kräften des Gegners auswichen und mit Überraschungsangriffen feindliche Truppenteile demoralisierten sowie Waffen und Munition erbeuteten, zeigte, daß es Aufständischen unter den Bedingungen Brasiliens möglich war, lange Zeit hindurch zu operieren. [... Wir] führten Hunderte von Gefechten, ohne daß uns von den Regierungskräften auch nur ein einziges Mal eine Niederlage beigebracht wurde, obgleich sie zahlenmäßig zehn- und zwanzigfach überlegen waren und die Unterstützung der Behörden der Staaten und Gemeinden sowie der vielen örtlichen Caudillos genossen.«

Ende 1926 setzte sich in der Führung der »Coluna Prestes« die Erkenntnis durch, dass die Kolonne zwar in allen Kämpfen unbesiegt geblieben war, dass es aber nicht gelang, trotz der Not und des Elends auf dem Lande, die Bevölkerung zu eigenem Handeln zu mobilisieren oder auch nur eine nennenswerte Zahl neuer Mitkämpfer zu gewinnen. Angesichts des Fehlens eines klaren politischen Zieles machten sich unter den gegebenen Bedingungen erste Auflösungserscheinungen bemerkbar. Prestes, so erklärte er später, hatte die Sorge, dass nicht wenige seiner Mitkämpfer zu »Räubern und Banditen entarten« würden, wenn es nicht gelänge, den Marsch der Kolonne in geordneter Form zu beenden.

Am 3. Februar 1927 überquerte die »Coluna Prestes« deshalb die Grenze zu Bolivien, wo alle Soldaten und Offiziere zunächst interniert wurden, in der Folge aber ausnahmslos politisches Asyl erhielten. Nach der Zusage von Straffreiheit konnten die Angehörigen der »Coluna« wenige Monate später nach Brasilien zurückkehren. Prestes jedoch, der als »Deserteur« und »Aufrührer« galt, blieb von der Amnestie ausgeschlossen.

In der Führung der Kommunistischen Partei Brasiliens hatte man bereits im Jahre 1925 damit begonnen, in Erwartung einer »dritten Revolte« bzw. »dritten Revolution« – nach 1922 und 1924 –, über ein »strategisches Bündnis« mit dem Kleinbürgertum, verkörpert durch die »Coluna Prestes«, nachzudenken. In der zweiten Dezemberhälfte 1927 traf sich Luis Carlos Prestes erstmals mit einem führenden Mitglied der Kommunistischen Partei Brasiliens. Im bolivianischen Exil erhielt er Besuch von Astrojildo Pereira, dem Mitbegründer und damaligen Generalsekretär der Partei. Doch trotz aller gegenseitiger Sympathie überwogen die inhaltlichen Differenzen. Die Forderung der Kommunisten nach einer Vergesellschaftung der Produktionsmittel war für Prestes zu diesem Zeitpunkt noch zu weitgehend. Den Kommunisten wiederum war das »Programm« von Prestes mit der Forderung nach tatsächlich geheimen Wahlen, einer allgemeinen und umfassenden Alphabetisierung und Pressefreiheit sowie »sozialer Gerechtigkeit« und einer »Verbesserung der Lage der Arbeiter« in einem ganz allgemeinen Sinn nicht radikal genug.

Doch auch die Protagonisten einer künftigen »Neuen Republik« aus den Reihen der »Tenentistas« wandten sich an Prestes. Im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen vom März 1930 war die »Nationale Allianz« entstanden, ein Zweckbündnis aus ziviler Opposition und Teilen des »Tenentismo«. Gemeinsames Ziel war es, den damaligen Gouverneur des Bundestaates Rio Grande do Sul, Getúlio Vargas, in das Amt des Staatspräsidenten zu bringen, und dazu setzte man in hohem Maße auf die Unterstützung durch Luis Carlos Prestes. Doch Prestes, der sich inzwischen deutlich radikalisiert hatte, lehnte ab. In einem »Manifest an das brasilianische Volk« begründete er seine Entscheidung: »Die brasilianische Revolution kann nicht auf der Grundlage des unzulänglichen Programms der ›Allianz‹ vollbracht werden. Bloßer Personenwechsel an der Macht, geheime Abstimmung, solche Versprechungen wie Wahlfreiheit, ehrliche Verfassung, fester Cruzeiro-Kurs und andere Allheilmittel entscheiden nichts und können die große Mehrheit der Bevölkerung nicht interessieren, ohne deren Unterstützung jede Revolution in einen Kampf zwischen Vertretern der herrschenden Oligarchie einmünden wird.«[3]

Damit hatte Prestes grundsätzlich mit den ursprünglichen Positionen des »Tenentismo« gebrochen und sich ohne Frage deutlich den Positionen der Kommunistischen Partei angenähert. Doch unter führenden Funktionären der jungen und kaum gefestigten KP Brasiliens gab es die Sorge, dass der Einfluss von Prestes auf die Partei zu groß werden könnte, zumal Prestes nach einer neuen Doktrin der Kommunistischen Internationale wegen seiner sozialen und politischen Herkunft nun nicht mehr nur als »Kleinbürger«, sondern auch als ein potentieller »Feind der revolutionären Bewegung« galt. Eine Mitgliedschaft in der KP Brasiliens wurde ihm folgerichtig verweigert. Prestes akzeptierte deshalb eine Einladung aus Moskau. In der »Hauptstadt der Weltrevolution« würde er in den folgenden Jahren die Möglichkeit erhalten, sich mit der Politik der internationalen kommunistischen Bewegung vertraut zu machen.

In Brasilien entstand im Verlaufe des Jahres 1934 eine breite antifaschistische und antiimperialistische Volksbewegung, die »Nationale Befreiungsallianz«, der sich Zehntausende Menschen aus allen Teilen des großen Landes anschlossen. In der Führung der KP Brasiliens war man gegenüber der »Allianz« zunächst skeptisch gewesen, dann aber zu der Überzeugung gelangt, dass in Brasilien eine revolutionäre Situation im Entstehen war und dass die Übernahme der politischen Macht durch die »Allianz«, unter »Führung« der Kommunistischen Partei, auf der Tagesordnung stehen würde. Diese Ansicht vertrat auch Luis Carlos Prestes, der noch immer in Moskau lebte, aber über die Entwicklungen in Brasilien stets gut informiert war.

Im März 1935 kehrte Prestes, der inzwischen auf Weisung aus Moskau Mitglied der Kommunistischen Partei Brasiliens geworden war, illegal in seine Heimat zurück. Prestes, so der mit der Kommunistischen Internationale in Moskau und der Führung der KP Brasiliens vereinbarte Plan, sollte sich, gestützt auf seine große Popularität, an die Spitze der »Nationalen Befreiungsallianz« stellen. Er sollte so zum Führer einer breiten Volksbewegung mit dem Ziel der Eroberung der politischen Macht werden. Allerdings wurde das Denken und Handeln von Prestes nach wie vor von des Ideen des »Tenentismo« bestimmt – er vertraute vor allem auf seine Erfahrungen aus der Zeit der »Coluna«. Für den geplanten Umsturz setzte er deshalb voll und ganz auf die Unterstützung junger Offiziere. Er war überzeugt, dass ein Aufstand der Militärs Signalwirkung haben und der breiten Volksbewegung den entscheidenden Anstoß geben würde, der militärischen Rebellion mit einem landesweiten Generalstreik zu einem erfolgreichen Abschluss zu verhelfen. Doch dieses voluntaristische Herangehen erwies sich als ein verhängnisvoller Fehler. Denn die vielbeschworenen »Massen« sympathisierten zwar mit der »Nationalen Befreiungsallianz« und ihren Zielen, doch sie waren keineswegs bereit, wie sich sehr bald zeigen sollte, dem Aufruf zu einem gesellschaftlichen Umsturz zu folgen.

Im November 1935 kam es in Recife im Bundesstaat Pernambuco und in Natal im Bundesstaat Rio Grande do Norte zu spontanen bewaffneten Erhebungen gegen die örtlichen Autoritäten. Prestes gab daraufhin den Befehl, in einem Akt der Solidarität auch in der Hauptstadt Rio de Janeiro einen bewaffneten Aufstand der Militärs auszulösen und damit den Kampf um die politische Macht in Brasilien im Landesmaßstab zu beginnen, obwohl die Vorbereitungen für den Kampf längst noch nicht abgeschlossen waren.

Folgerichtig brach der Aufstandsversuch innerhalb weniger Stunden zusammen. Unterstützung durch die Bevölkerung gab es nicht. Die Regierung reagierte mit einer beispiellosen Welle des Terrors. Die Zahl der Menschen, die im Ergebnis der brutalen Verfolgung ihr Leben verloren, ist bis heute nicht bekannt. Prestes selbst wurde im März 1936 verhaftet und blieb bis zu einer Amnestie im Mai 1945 eingekerkert.

Im historischen Rückblick wird deutlich, dass die bewaffneten Aufstände in Natal, Recife und Rio de Janeiro im November 1935 Ausdruck einer über Jahre und Jahrzehnte hinweg gewachsenen Tradition politischer Staatsstreiche in Brasilien waren, der sich die Kommunistische Partei und ihre Führung unter dem maßgeblichen Einfluss von Luis Carlos Prestes weder entziehen konnten noch entziehen wollten. Mehr noch, sie waren die »letzte Manifestation einer ›tenentistischen‹ Rebellion«[4] und in diesem Sinne der Abschluss einer wichtigen Periode der brasilianischen Geschichte, die vor einhundert Jahren, am 5. Juli 1922, begonnen hatte.

Anmerkungen

[1] Anita Prestes, Os militares e a Reação Republicana. As origens do tenentismo, Editora Vozes, Petrópolis 1994, p. 18-19.

[2] Dieses und die folgenden Zitate: Luiz Carlos Prestes, Eine Wahl, vor 50 Jahren getroffen, in: Probleme des Friedens und des Sozialismus, Berlin (DDR) und Prag, Januar 1973, S. 104-110.

[3] Luis Carlos Prestes, Manifesto de Maio (1930), In: Anita Leocádia Prestes, Luis Carlos Prestes. Um comunista brasileiro, Boitempo Editorial, Rio de Janeiro 2017.

[4] Marly de Almeida Gomes Vianna, Revolucionários de 1935. Sonho e realidade, Editora Expressão Popular, São Paulo 2007, S. 17.

Letzte Änderung: 25. Juli 2022