www.ronald-friedmann.de
Ausgewählte Artikel - 2020
neues deutschland – 7. Februar 2020

Gescheiterter Versuch

Mit der »Harzburger Front« wollte die bürgerliche extreme Rechte im Herbst 1931 die Hitlerpartei »einhegen«, doch Faschisten lassen sich nicht domestizieren

Spätestens mit der Reichstagswahl vom September 1930 war die Hitlerpartei zu einer festen politischen Größe in Deutschland geworden. Mit 18,7 Prozent der Wählerstimmen und 107 Mandaten stellte sie die zweitgrößte Fraktion im Reichstag. Das beförderte im rechten und extrem rechten bürgerlichen Spektrum den dringenden Wunsch, die wachsende Massenbasis und Mobilisierungsfähigkeit der deutschen Faschisten für die eigenen politischen Ziele nutzen zu können. Allerdings war ein erster Versuch, die Hitlerpartei in ein Bündnis der »nationalen Opposition« einzugliedern, bereits kläglich gescheitert. Der »Reichsausschuß für das Volksbegehren gegen den Young-Plan« war nach wenigen Monaten wieder auseinandergebrochen, weil es nicht gelang, eine Neuverhandlung der deutschen Verpflichtungen aus dem Versailler Vertrag zu verhindern.

Mit einem Treffen von führenden Vertretern der verschiedenen Parteien und Organisationen der äußersten Reaktion in Bad Harzburg, einem beschaulichen Kurort im damaligen Freistaat Braunschweig, sollte im Oktober 1931 ein weiterer Anlauf unternommen werden. Die Initiative dazu ging von Alfred Hugenberg aus, der als Vorsitzender der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) nicht nur ein wichtiger Parteipolitiker war, sondern als Montan-, Rüstungs- und Medienunternehmer einer der mächtigsten und einflussreichsten Menschen in Deutschland. Hugenberg hoffte, Hitlers NSDAP, den »Stahlhelm«, den sogenannten Reichslandbund und den völkischen Alldeutschen Verband auf ein Bündnis mit seiner DNVP einschwören zu können, dessen erstes gemeinsames Ziel der Sturz des seit März 1930 im Amt befindlichen Reichskanzlers Heinrich Brüning sein sollte, eines Politikers der überwiegend katholischen Zentrumspartei. Zwar hatte auch Brüning, der unter Umgehung des Parlaments und nur gestützt auf die »Notverordnungen« des Reichspräsidenten regierte, sich der »politischen und wirtschaftlichen Gesundung Deutschlands« verschrieben, d.h. einer Politik des massiven Abbaus politischer und sozialer Rechte. Doch gingen die von ihm ergriffenen Maßnahmen den Wirtschafts- und Finanzkreisen, die hinter der »nationalen Opposition« standen, nicht weit genug.

Hitler zeigte sich allerdings wenig geneigt, sich in ein »Bündnis« einbinden zu lassen, in dem er nicht die uneingeschränkt führende Rolle spielen konnte. Zugang zu den maßgeblichen Köpfen der Wirtschaft musste ihm Hugenberg nicht mehr verschaffen: Seit Anfang 1931 gehörte der vormalige Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht zum Umfeld Hitlers, und Schacht hatte Hitler bereits im Sommer die Türen zu den einschlägigen Salons geöffnet. Und nicht nur das. Buchstäblich nur Stunden vor dem Beginn des Harzburger Treffens hatte Reichspräsident von Hindenburg Hitler zu einer Audienz empfangen und damit den »brauen Häuptling des deutschen Faschismus«, wie Carl von Ossietzky es in der »Weltbühne« kommentierte, demonstrativ aufgewertet: »Ein Ereignis von unerhörter propagandistischer Wirkung für die Reaktion, auch wenn sich die beiden Herren nur über das Wetter unterhalten haben.«

Folgerichtig blieb das Treffen von Harzburg ohne wirkliches oder gar bleibendes Ergebnis. Es gab lediglich eine wenig substantielle Erklärung, in der vor dem »Blutterror des Marxismus« und dem drohenden »Chaos des Bolschewismus« gewarnt wurde.

Das endgültige Aus für die »Harzburger Front« kam nur wenige Monate später, als es nicht gelang, für die im April 1932 anstehenden Reichspräsidentenwahlen einen gemeinsamen Kandidaten zu benennen: Weite Teile der vormaligen »Front« unterstützten Hindenburg. Hitler bestand auf einer eigenen Kandidatur. Auch die DNVP benannte einen eigenen Bewerber.

So blieb die »Harzburger Front« nur eine kurze und letztlich wenig bedeutungsvolle Episode im Prozess des Untergangs der Weimarer Republik. Doch sie machte deutlich, dass der Aufstieg Hitlers und seiner Bande kein »Unfall« der Geschichte war, sondern ein Ergebnis zielgerichteten Handelns maßgeblicher Kreise an der Spitze der deutschen Wirtschaft und Politik.

Letzte Änderung: 7. Februar 2020