Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung – September 2021

Dissident wider Willen

Rezension zu: Mario Kessler, A Political Biography of Arkadij Maslow, 1891-1941 – Dissident Against His Will, London: Palgrave MacMillan, 2020

»Dissident Against His Will« nennt Mario Keßler seine englischsprachige Biographie des Kommunisten und erklärten Stalingegners Arkadij Maslow im Untertitel. Er nimmt damit eine Anleihe bei der Ausgabe von Briefen Maslows und dessen langjähriger Lebensgefährtin Ruth Fischer, die bereits 1990 unter dem Titel »Abtrünnig wider Willen« erschien. Doch anders als Peter Lübbe, der Herausgeber der Briefe, hatte Keßler in den vergangenen Jahren die Möglichkeit, in zahlreichen US-amerikanischen Archiven zu arbeiten und dabei neue und bedeutsame Quellen zu erschließen. Das macht das vorliegende Buch zu einer wichtigen und gewichtigen Lektüre. Dabei merkt man der Publikation über weite Strecken durchaus an, dass es sich um eine – völlig legitime – Zweitverwertung vorhandenen Materials handelt: Wo immer die Quellenlage bezüglich des Tun und Lassens von Maslow »dünn« wird, wechselt Keßler den Protagonisten und greift inhaltlich auf die Biographie Ruth Fischers zurück, der langjährigen Lebensgefährtin von Maslow, die bereits 2013 erschien. Das ist auch bei der Darstellung solcher Ereignisse und Entwicklungen der Fall, bei denen Maslow zwar als »Mastermind« politisch und intellektuell involviert war, aber – beispielsweise wegen wiederholter Inhaftierung – kein Akteur im Wortsinn war und sein konnte. Auch dann nimmt Keßler notgedrungen Rückgriff auf die Biographie Fischers, deren politisches und privates Schicksal, auch durch eigenes Zutun, ohne Frage besser dokumentiert ist.

Kessler präsentiert ein außergewöhnliches Leben, das immer wieder durch tiefe, auch tragische Brüche gekennzeichnet war. Arkadij Maslow, geboren 1891 im damals russischen Jelisawetgrad, aufgewachsen in Deutschland, hätte eine große Laufbahn als Konzertpianist einschlagen oder sich als Mathematiker von Weltrang einen Namen machen können. Doch sein Lebensweg führte in die kommunistische Bewegung und – an der Seite seiner Lebensgefährtin Ruth Fischer – zeitweise an die Spitze der deutschen Partei. Ab April 1924 betrieben Maslow und Fischer mit Nachdruck die »Bolschewisierung« der KPD, deren Opfer sie letztlich selbst wurden. Bereits im Herbst 1925 verloren sie ihre Spitzenfunktionen in der KPD, ein Jahr später wurden sie aus der Partei ausgeschlossen.

Nachdem ihr Versuch, mit dem Leninbund eine Alternative zur KPD zu schaffen, gescheitert war, zogen sich Maslow und Fischer zunächst aus dem politischen Leben zurück. Maslow arbeitete bis 1933 vorwiegend als Übersetzer.

Mit dem Machtantritt des Faschismus in Deutschland begann für Maslow und Fischer ein Leben auf der Flucht. Von Paris aus arbeitete Maslow mehrere Jahre gemeinsam mit Trotzki am Aufbau einer Vierten Internationale. Folgerichtig wurde er während der Moskauer Prozesse zwischen 1936 und 1938 wiederholt als »trotzkistischer Agent« verleumdet. Nach dem Bruch mit Trotzki versuchte Maslow erneut – und wiederum erfolglos –, politisch-organisatorisch eigene Wege zu gehen.

Angesichts des drohenden Einmarsches der deutschen Wehrmacht mussten Maslow und Fischer Paris im Juni 1940 fluchtartig verlassen. Über Marseille, im unbesetzten Teil Frankreichs, gelangten sie nach Lissabon, wo sie fast ein Jahr ausharren mussten. Fischer erhielt schließlich Anfang April 1941 ein Visum für die USA und konnte nach New York abreisen. Maslows Einreise in die USA wurde jedoch zunächst abgelehnt, er traf mit einer kubanischen Aufenthaltsgenehmigung am 30. Mai 1941 in der kubanischen Hauptstadt Havanna ein.

Ein eigenes Kapitel widmet Keßler – wenig überraschend – dem Tod Maslows, der in der Nacht vom 20. zum 21. November 1941 starb. Denn die genauen Umstände, unter denen der damals gerade 50jährige in Havanna sein Leben verlor, sind bis heute umstritten und Gegenstand zum Teil wilder Spekulationen. Keßler lässt keinen Zweifel, dass er sich der vorherrschenden Meinung anschließt, Maslow sei einem Mordanschlag zum Opfer gefallen, für den der sowjetische Geheimdienst die Verantwortung trug. Allerdings hat Keßler, wie auch die übrigen Vertreter dieser These, keinerlei Beweise, sondern lediglich eine Handvoll von Indizien, die keineswegs schlüssig oder gar zwingend sind, die er aber voller Überzeugung präsentiert.

Zwei wesentliche (und einige weniger wichtige) Aspekte klammert Keßler allerdings aus: Es gab zu jener Zeit keinen schnellen und unmittelbaren Kontakt zwischen Moskau und Havanna, über den ein Mord an Maslow hätte angeordnet und organisiert werden können. Solche Kontakte hätten über eine Residentur des sowjetischen Geheimdienstes in den USA laufen müssen. Doch in den vielen tausend Funksprüchen von und nach Moskau, deren Entschlüsselung durch den US-amerikanischen Geheimdienst im Rahmen des Venona-Projekts 1942 begonnen und bis 1980 fortgeführt wurde, gibt es nicht den geringsten Hinweis auf einen solchen Mordauftrag. Wichtiger noch: Im Sommer und Herbst 1941 stand die Existenz der Sowjetunion auf dem Spiel, deutsche Truppen standen vor Moskau. Die Evakuierung der sowjetischen Hauptstadt wurde vorbereitet und hatte in Teilen bereits begonnen. In dieser Lage gab es in Moskau buchstäblich niemanden, der Zeit und Kraft gehabt hätte, sich für Maslow zu interessieren, der höchstens noch ein lästiger, aber kein gefährlicher politischer Gegner mehr für Stalin war. Selbst Geheimdienstberichte aus London über die britischen Bemühungen zur Entwicklung und zum Bau einer Atombombe blieben bis zum Frühjahr 1942 unbearbeitet liegen.

Keßler selbst hat auf diese Umstände hingewiesen, hält sie aber offensichtlich nicht für relevant. Doch es ist ja keineswegs so, dass die Indizien, die gegen Keßlers These sprechen, bereits dadurch entwertet werden, dass Keßler sie selbst erwähnt.

Ruth Fischer überlebte Arkadij Maslow um fast zwei Jahrzehnte. Die unmittelbaren und vor allem die langfristigen Folgen, die der Tod ihres Lebensgefährten für sie hatte, sind deshalb Gegenstand des abschließenden Kapitels. Keßler schildert Fischers »Rachefeldzug«, in dessen Mittelpunkt ihre Brüder Gerhart und Hanns Eisler standen. Er erinnert aber auch daran, und das war bereits eine zentrale Erkenntnis seiner erwähnten Ruth-Fischer-Biographie, dass Fischer in ihren letzten Lebensjahren aus eigener Kraft und Einsicht einen Weg weg von dem militanten Antikommunismus fand, der sie seit dem Tod Arkadij Maslow beherrscht hatte.

Eine abschließende Bemerkung: Bei der Übersetzung parteiamtlicher Bezeichnungen ins Englische hatte Keßler nicht immer eine glückliche Hand. So dürfte der Begriff »Central Committee« für »Zentralausschuss« eher für Verwirrung als für Aufklärung sorgen. Denn der Zentralausschuss war kein Zentralkomitee, sondern ein der Zentrale beigeordnetes Beratungsgremium, für das eher der Begriff »Council« oder »Central Council« hätte stehen sollen. Doch wer gewillt ist, über solche Petitessen hinwegzusehen, wird eine anregende und lesenswerte Biographie einer Persönlichkeit aus der Geschichte der kommunistischen Bewegung finden, deren Name zwar einem größeren Kreis Interessierter bekannt ist, deren Lebensweg aber nur sehr wenige kennen.

Autor: Ronald Friedmann
Ausgedruckt am: 26. Mai 2022
Quelle: www.ronald-friedmann.de/ausgewaehlte-artikel/2021/dissident-wider-willen/