neues deutschland (Literaturbeilage) - 20. März 2019

Westemigranten

Rezension zu: Mario Keßler, Westemigranten. Deutsche Kommunisten zwischen USA-Exil und DDR, Böhlau Verlag, Köln und Weimar 2019

Dieses Buch ist – kaum überraschend – weit mehr als eine große Fleißarbeit: Mario Keßler hat etwa vier Dutzend deutsche Kommunisten, mit und ohne Parteibuch, namhaft gemacht, die in den Jahren der Hitlerdiktatur in den USA Zuflucht fanden, und detailliert ihre Lebensläufe untersucht. Sein Anliegen war es, die Wege zu erkunden, die seine Protagonisten in die USA führten, ihr Leben und Wirken im Exilland zu erkunden und die Prägungen aufzuzeigen, die sie durch ihr Leben und ihre (politische) Arbeit in den USA erfuhren. Und schließlich ging es ihm darum zu zeigen, wie das Exil in den USA und die dort gemachten Erfahrungen ihr Leben und Wirken nach der Rückkehr nach Ostdeutschland bzw. in die DDR beeinflussten und welchen Einfluss sie selbst dort ausüben konnten.

Keßler gibt zunächst einen Überblick über die Immigrations- und Flüchtlingspolitik der USA und verweist dabei auf den Widerspruch zwischen der offiziellen, sehr restriktiven Politik der Regierung Roosevelt und dem Wirken verschiedener (privater) Hilfsorganisationen, die wesentlich dazu beitrugen, dass dennoch eine nicht unbedeutende Zahl von Verfolgten in den USA Zuflucht erhielt.

Keiner der kommunistischen Flüchtlinge, das macht Keßler in der Folge deutlich, hatte die USA freiwillig als Ort seines Exils gewählt. Es waren vielmehr die in einer Zeit der weltweiten Kriege und Konflikte unvermeidlichen und zumeist überraschenden Zufälle, aber auch die Willkür der US-Behörden, die nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zahlreichen Emigranten die Weiterreise nach Lateinamerika, und dort in erster Linie nach Mexiko, nicht gestatteten, die sie in die USA führten.

Konfrontiert mit einer fremden Realität stand vor den Flüchtlingen, wie in anderen Teilen der Welt auch, zunächst die Aufgabe, Arbeit zu finden und den eigenen Unterhalt zu sichern. Keßler zeigt, dass es in sehr vielen Fällen die Ehefrauen und Lebenspartnerinnen waren, die – oftmals eigene Wünsche und Hoffnungen zurückstellend – hier den entscheidenden Part spielten. (Überhaupt ist Keßler bemüht, die Rolle der Frauen angemessen zu würdigen, wobei die konkrete Quellenlage seine Möglichkeiten dabei ganz offensichtlich stark einschränkte.)

Breiten Raum widmet Keßler den »Netzwerke(n) und der Publizistik der deutschen Kommunisten«, so der Titel des entsprechenden Kapitels: So schildert Keßler die Geschichte des von Stefan Heym geleiteten zweisprachigen »Deutschen Volksechos«, das zwischen 1937 und 1939 in New York erschien. Die Diskussionen über die Zukunft Deutschlands nach dem Ende der Hitlerdiktatur beleuchtet Keßler vor allem am Beispiel des »Council for a Democratic Germany« und der mit ihm verbundenen Zeitschrift »The German American« sowie des von Gerhart Eisler, Albert Norden und Albert Schreiner im Frühjahr 1945 in New York publizierten Buches »The Lesson of Germany«.

Gestützt auf umfangreiche Aktenbestände des FBI (die dank der Bemühungen zahlreicher US-Wissenschaftler inzwischen in Kopie in öffentlichen Archiven und Bibliotheken der USA zugänglich sind), schildert Keßler das Vorgehen der US-Bundespolizei gegen Persönlichkeiten wie Bertolt Brecht und die Brüder Gerhart und Hanns Eisler. Während Brecht und Hanns Eisler nach Ende des Zweiten Weltkrieges unter dem maßgeblichen Einfluss des FBI des Landes verwiesen wurden, wurde Gerhart Eisler, der als angeblicher »Chef aller Roten in Amerika« im Mittelpunkt einer antikommunistischen Kampagne stand, die Ausreise verweigert. Ihm gelang erst 1949 eine spektakuläre Flucht aus den USA.

Der nachfolgende Teil des Buches, gegliedert in vier Kapitel, befasst sich, wie Keßler es formuliert, mit »Rückkehr und Neubeginn, Hoffnungen und Rückschläge(n)«. Keßler konstatiert zunächst, dass nur wenige kommunistische Flüchtlinge in den USA blieben bzw. bleiben konnten und dass kein Kommunist in den Westen Deutschlands zurückkehrte.

Der Neuanfang war kompliziert: Deutschland war nach den Jahren des Exils ein fremdes Land geworden, und die Schlüsselpositionen in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft Ostdeutschlands bzw. der DDR waren inzwischen von jenen Parteifunktionären besetzt worden, die im sowjetischen Exil gewesen waren. Trotzdem fanden sich für die Rückkehrer aus den USA Räume, die mehr als Nischen waren: Sie brachten einzigartige und unverzichtbare Kenntnisse und Erfahrungen mit, die der neue Staat benötigte. Die letztlich unvermeidbaren Konflikte und Nöte schildert Keßler anschaulich an zahlreichen Bespielen, für die hier die Namen Stefan Heym, Hanns und Gerhart Eisler sowie Ernst Bloch stehen sollen.

Die Fülle der von Keßler recherchierten und präsentierten Details macht es wohl unvermeidlich, dass gelegentlich Redundanzen auftreten. Doch trotz des beachtlichen Umfangs des Buches kommen keine Längen auf. Mehr noch, Keßlers Arbeit ist ungeachtet ihres explizit wissenschaftlichen Charakters, wovon nicht zuletzt die nach hunderten zählenden Fußnoten zeugen, die nicht nur Quellen belegen, sondern oftmals weitere aufschlussreiche Details liefern, von der ersten bis zur letzten Seite gut lesbar. Man kann nur hoffen, dass der selbst für heutige Verhältnisse ungewöhnlich hohe Ladenpreis die potentielle Leserschaft nicht verschreckt.

Autor: Ronald Friedmann
Ausgedruckt am: 19. Juni 2024
Quelle: www.ronald-friedmann.de/ausgewaehlte-artikel/2019/westemigranten/