Mitteilungen der Kommunistischen Plattform - Juli 2019

Majdanek

Vor 75 Jahren, am 23. Juli 1944, befreite die Rote Armee erstmals ein SS-Konzentrations- und Vernichtungslager

Das Konzentrations- und Vernichtungslager Majdanek existierte weniger als drei Jahre. In dieser Zeit trug es unterschiedliche Bezeichnungen und diente unterschiedlichen Zwecken. Es blieb, wie es der polnische Historiker Tomasz Kranz, Direktor der Gedenkstätte Majdanek, formulierte, ein »multifunktionales Provisorium ohne eindeutige Bestimmung und klare Zielsetzung«. Doch es kann kein Zweifel daran bestehen, dass das Lager Majdanek, gelegen am Rande der ostpolnischen Stadt Lublin, stets ein Ort des Massenmordes aus politischen und rassistischen Gründen war. Mehr als 79.000 Menschen, unter ihnen 59.000 Juden, verloren dort zwischen Herbst 1941 und Sommer 1944 ihr Leben. Insgesamt gingen zwischen 95.000 und 130.000 Menschen durch die Hölle von Majdanek.

Am 30. September 1941 hatte die Führung der Wehrmacht der Forderung von »Reichsführer SS« Heinrich Himmler zugestimmt, der SS die »Verantwortung« für die sowjetischen Kriegsgefangenen zu übertragen, die seit dem Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 in großer und scheinbar ständig wachsender Zahl von der Ostfront in Richtung Westen verschleppt wurden. Himmler hatte große Pläne mit ihnen. Ausgehend vom neugeschaffenen »Kriegsgefangenenlager der Waffen-SS Lublin«, so die erste offizielle Bezeichnung des Lagers Majdanek, sollten die sowjetischen Kriegsgefangenen als Zwangsarbeiter ein ausgedehntes Netz von militärischen und zivilen Stützpunkten errichten, das die langfristige Besiedlung des eroberten »Ostraumes« mit »rassisch wertvoller« Bevölkerung sichern sollte.

Doch zunächst musste das Lager selbst gebaut werden. Denn zu diesem Zeitpunkt standen in Majdanek nur einige wenige Baracken, in denen es nicht einmal Pritschen gab. Zahllose Gefangene mussten im Freien kampieren. Im ganzen Lager fehlte elektrischer Strom, es gab kein Wasser und keine Kanalisation. Fiel Regen, was im Herbst häufig geschah, so verwandelte sich das gesamte Lager in einen einzigen riesigen Morast. Trotzdem sahen die Pläne der SS noch im Oktober 1941 die sofortige Aufnahme von 50.000 sowjetischen Kriegsgefangenen vor. Anfang November 1941 gingen die Planungen von 125.000 Gefangenen, im Dezember 1941 sogar von 150.000 Gefangenen aus. Tatsächlich trafen in Majdanek bis Anfang Januar 1942 etwa 2.000 gefangene Rotarmisten ein, die sich aufgrund des Hungers und der Misshandlungen auf dem Transport allerdings in einem so elenden Zustand befanden, dass sie nicht zur Zwangsarbeit eingesetzt werden konnten. Soweit sie nicht in den ersten Tagen oder Wochen ihrer Gefangenschaft an Entkräftung oder Krankheiten starben, fielen sie den Mordkommandos der SS zum Opfer, die die Massentötung der Gefangenen als geeignetes Mittel betrachteten, das im Lager grassierende Fleckfieber zu »bekämpfen«. Anfang 1942 stand das Lager bis auf wenige Dutzend Häftlinge faktisch wieder leer. Mit größerem »Nachschub« von der Ostfront war nicht mehr zu rechnen, denn nach der Niederlage der deutschen Wehrmacht in der Schlacht vor Moskau im Dezember 1941 ging die Zahl der sowjetischen Soldaten, die in Kriegsgefangenschaft gerieten, deutlich zurück und erreichte nie wieder den Stand der ersten Kriegsmonate.

Nunmehr setzte die SS auf den Einsatz jüdischer Zwangsarbeiter. Zwischen Ende März und Anfang April 1942 trafen in Vorbereitung der »Aktion Reinhardt«, der systematischen Ermordung aller Juden im besetzten Polen, die ersten 4.500 Juden aus der Slowakei in Majdanek ein. Ihre erste Aufgabe war es, die Massengräber der sowjetischen Kriegsgefangenen einzuebnen, ein Menetekel auf ihre eigene Zukunft. Bis zum Juni 1942 erhöhte sich die Zahl der in Majdanek gefangenen Juden auf mehr als 10.000. Einen Monat später, im Juli 1942, befahl Himmler die Einrichtung eines Frauenlagers. Bis Ende 1942 stieg die Zahl der weiblichen Gefangenen, zumeist Jüdinnen, auf fast 3.000.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Majdanek bereits einen festen Platz im System des industrialisierten Massenmordes. Spätestens seit Ende Oktober 1942 gab es auch in Majdanek Gaskammern. Dieser Entwicklung trug auch die mit perverser deutscher Gründlichkeit arbeitende Verwaltung Rechnung. Ab Februar 1943 wurde Majdanek offiziell als »Konzentrationslager Lublin« bezeichnet, ein Name, der im amtlichen Schriftverkehr bereits seit Mitte 1942 verwendet wurde.

Allerdings war Majdanek kein »typisches« Vernichtungslager wie Sobibór oder Treblinka. Auch als Ort der industriellen Zwangsarbeit spielte es, anders als beispielsweise das zu Auschwitz gehörende Lager Monowitz, nur eine untergeordnete Rolle. Jedoch hatte das Wirtschaftsamt der SS in Majdanek ein »Bekleidungswerk« eingerichtet, in dem die Kleidung und die Schuhe der in den verschiedenen Lagern ermordeten Juden für die Weiterverwendung aufgearbeitet werden sollten.

Am 19. April 1943 erhoben sich die letzten Überlebenden des jüdischen Ghettos in Warschau und kämpften ohne Hoffnung, aber mit Stolz und Würde gegen ihre deutschen Mörder. Erst am 16. Mai 1943 endete ihr Kampf. Wenige Monate später, am 2. August 1943, gab es im Vernichtungslager Treblinka einen bewaffneten Aufstand der Gefangenen. Und am 14. Oktober 1943 revoltierten im Vernichtungslager Sobibór 600 Häftlinge gegen ihre Peiniger. Die Führung der SS, bei der seit der deutschen Niederlage in Stalingrad im Februar 1943 die Nerven blank lagen, reagierte panisch: Alle Häftlinge, die nicht aus Sobibór hatten fliehen können, wurden umgehend ermordet, das Lager wurde geschlossen und dem Erdboden gleichgemacht. Doch auch die anderen Lager der SS waren von dem nun folgenden blutigen Rachefeldzug, der unter dem zynischen Decknamen »Erntefest« lief, betroffen. Am grausamsten wütete die SS in Majdanek, wo am 3. November 1943 innerhalb weniger Stunden 18.000 Menschen – Männer, Frauen und Kinder – getötet wurden. An keinem anderen Ort wurden in der Geschichte des »Tausendjährigen Reiches« mehr Menschen an einem einzigen Tag ermordet.

Zunächst wurden die 8.000 Insassen des Lagers zusammengetrieben, dann weitere 10.000 Zwangsarbeiter aus den umliegenden Arbeitslagern. In einem nahegelegenen Waldstück mussten sie zunächst ihre eigenen Gräber ausheben. Dann wurde die erste Gruppe in die Grube getrieben und dort erschossen. Die zweite Gruppe musste sich auf die toten Körper ihrer Leidensgefährten legen und wurde gleichfalls getötet. So ging es über viele Stunden weiter. Wer nicht das Glück hatte, sofort tot zu sein, starb – buchstäblich begraben unter Leichen – einen langsamen und besonders qualvollen Tod. 

Am 23. Juli 1944 erreichten Einheiten der Roten Armee im Rahmen der Operation »Bagration« die Stadt Lublin. So wurde Majdanek zum ersten Lager im SS-Lagersystem, das von sowjetischen Truppen befreit wurde. Die Mehrzahl der Gefangenen war von der SS zuvor in Richtung Westen abtransportiert worden. Nur etwa 1.000 Kranke waren zurückgelassen worden, von denen viele noch in den ersten Tagen der wiedergewonnenen Freiheit starben.

Konstantin Simonow, der die sowjetischen Truppen als Kriegskorrespondent begleitete und als einer der ersten das vormalige Konzentrationslager betrat, notierte in seinem Tagebuch: »Am ersten Tag glaubte ich wahnsinnig zu werden ... Mein Bleistift glitt über das Papier, während sich mein Kopf noch sträubte zu glauben, was ich schrieb.« Und weiter: »Das Schrecklichste: Zehntausend Paar Kinderschuhe, Sandalen, Pantoffeln, Schnürschuhe von Zehnjährigen, von Einjährigen ...« (Unter dem Eindruck dieses Berichtes schrieb Johannes R. Becher noch im Spätsommer 1944 das Gedicht »Kinderschuhe aus Lublin«, das in der DDR »Pflichtlektüre« war und im Lesebuch der 8. Klasse stand.)

Unmittelbar nach der Befreiung von Majdanek begann eine gemeinsame sowjetisch-polnische Kommission mit der Untersuchung der dort begangenen Verbrechen. Auch westliche Journalisten wurden in das eben befreite Lager eingeladen, um gegenüber der Weltöffentlichkeit die Untaten des deutschen Faschismus zu bezeugen. Am 28. August 1944 veröffentlichte zum Beispiel das damals vielgelesene New Yorker »Life Magazine« einen ganzseitigen illustrierten Korrespondentenbericht.

Bereits im Herbst 1944, vom 27. November bis 2. Dezember, fand in Lublin der erste der sogenannten Majdanek-Prozesse statt. Die sechs Angeklagten – vier Angehörige des SS-Wachpersonals und zwei sogenannte Kapos – wurden zum Tode verurteilt und hingerichtet. Zwischen 1946 und 1948 folgte eine Reihe weiterer Prozesse. Wieder gab es Todesurteile, so u.a. gegen Else Ehrich, vormals Oberaufseherin des Frauenlagers, zum Zeitpunkt ihrer Verhaftung im Frühjahr 1945 gerade einmal 31 Jahre alt. Und es wurden zahlreiche langjährige Haftstrafen verhängt.

Erst 1975, mehr als drei Jahrzehnte nach der Befreiung des Lagers, hielt es auch die Justiz der damaligen Bundesrepublik für erforderlich, Anklage gegen frühere Angehörige des Führungs- und Wachpersonals von Majdanek zu erheben, nachdem zuvor Dutzende Ermittlungsverfahren »ergebnislos« eingestellt worden waren.

Unter den Augen der Weltöffentlichkeit, die den Prozess in Düsseldorf mit großer Aufmerksamkeit verfolgte, entwickelte sich das Verfahren in den folgenden fast sechs Jahren zu einem politischen und juristischen Skandal. Von den ursprünglich 16 Angeklagten wurden fünf freigesprochen, zwei Verfahren wurden aus »gesundheitlichen Gründen« eingestellt (eine Angeklagte überlebte den Prozess um mehr als 20 Jahre, ein anderer Angeklagter starb tatsächlich wenige Monate später) und ein Verfahren endete vorzeitig mit dem Tod des Angeklagten. Gegen die verbliebenen Angeklagten verhängte das Gericht »Streichelstrafen für Mördernazis«, wie es der Philosoph Ernst Bloch bereits 1963 in einem Interview anlässlich des Frankfurter Auschwitz-Prozesses formulierte. Lediglich Hermine Braunsteiner-Ryan, die »blutige Brygida«, wie sie von den Häftlingen in Majdanek genannt wurde, erhielt eine lebenslange Haftstrafe, die allerdings bereits nach 15 Jahren, der Mindestvollstreckungszeit, zur »Bewährung« ausgesetzt wurde.

Majdanek machte zuletzt Anfang vergangenen Jahres weltweite Schlagzeilen, als die Regierung in Warschau die Umbenennung der Gedenkstätte in Lublin anordnete: »Staatliches Museum in Majdanek. Gedenkstätte im ehemaligen deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager (1941-1944)«. Kein Zweifel sollte daran möglich sein, dass es Deutsche waren, die die Verbrechen zu verantworten hatten, die auf polnischem Boden begangen wurden.

Autor: Ronald Friedmann
Ausgedruckt am: 13. Oktober 2019
Quelle: www.ronald-friedmann.de/ausgewaehlte-artikel/2019/majdanek/