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Ausgewählte Artikel - 2019
neues deutschland - 5. Juni 2019

Doppelt und dreifach

Die kriselnde SPD hat aktuell ein Führungstrio als Interimslösung für die Nahles-Nachfolge. Das ist nichts Neues in dieser Partei.

Doppel- und sogar Dreifachspitzen haben in der SPD eine lange Tradition, die bis in das 19. Jahrhundert zurückreicht. Allerdings ging es in diesen vergangenen Zeiten nie darum, beide Geschlechter angemessen zu repräsentieren, angestrebt wurde vielmehr ein Ausgleich zwischen den divergierenden politischen Richtungen innerhalb der deutschen Sozialdemokratie. Die erste Doppelspitze wurde bereits im Oktober1890 gewählt, auf dem Parteitag in Halle (Saale), dem ersten nach der Aufhebung des Bismarckschen Sozialistengesetzes. (Auf diesem Parteitag beschloss die Partei übrigens auch ihren bis heute gültigen Namen: Sozialdemokratische Partei Deutschlands.) Gleichberechtigte Parteivorsitzende wurden damals Paul Singer und der heute nur noch unter Historikern bekannte Vogtländer Alwin Gerisch. 1892 rückte August Bebel, der »Arbeiterkaiser«, an die Spitze der SPD auf. Das »Doppel« Bebel-Singer führte die SPD unter anderem durch die Höhen und Tiefen des sogenannten Revisionismusstreits mit den Protagonisten Eduard Bernstein und Karl Kautsky, durch die von Rosa Luxemburg und anderen Linken angestoßenen Debatten um den politischen Massenstreik und nicht zuletzt die Auseinandersetzungen um die Bewilligung oder grundsätzliche Ablehnung der Haushalte der deutschen Länder durch die Fraktionen der SPD. Nach dem Tod von Paul Singer im Januar 1911 – mehr als eine Million Menschen begleiteten ihn auf dem Weg zu seiner letzten Ruhestätte in Berlin-Friedrichsfelde – drohte zunächst eine Kampfabstimmung um dessen Nachfolge. Obwohl Friedrich Ebert schließlich seine Kandidatur zurückzog, erhielt er auf dem Wahlparteitag im September 1911 in Jena trotzdem mehr als 100 Delegiertenstimmen. Gewählt wurden jedoch August Bebel und Hugo Haase, die beide auf dem linken Parteiflügel verortet wurden. Erst nach dem Tod Bebels im August 1913 wurde Friedrich Ebert zum Parteivorsitzenden gewählt. Diese Doppelspitze Ebert-Haase war die Inkarnation der parteiinternen Konflikte der SPD, die von der Zustimmung zu den Kriegskrediten im August 1914 bis zur Spaltung der Partei und der Gründung der USPD, der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei, im April 1917 in Gotha führte, an deren Spitze Hugo Haase stand. Der Parteitag in Weimar im Juni 1919 wählte Otto Wels und den späteren Reichskanzler Hermann Müller zu Parteivorsitzenden. Ebert, der im Februar 1919 von der Nationalversammlung zum Reichspräsidenten gewählt worden war, konnte nicht wieder kandidieren. Im September 1922 wurde Arthur Crispien zum dritten Vorsitzenden der SPD gewählt. Er hatte die Reste der USPD – ein großer Teil hatte sich Ende 1920 mit der KPD zusammengeschlossen – zurück in die »Mutterpartei« geführt. Allerdings spielte er innerhalb der Partei nur eine untergeordnete Rolle. Er sah seine Aufgabe vor allem in der Mitarbeit in der Sozialistischen Arbeiter-Internationale.

Nach der Machtübergabe an Hitler im Januar 1933 und dem Verbot der SPD und der Zerschlagung ihrer Strukturen innerhalb Deutschlands im Frühsommer 1933 übernahm Otto Wels die Verantwortung für den Aufbau der Sopade, der in Prag und später in Paris ansässigen Exilleitung der SPD. Mehrfachspitzen waren nun kein Thema mehr.

Letzte Änderung: 5. Juni 2019