DISPUT - Dezember 2018

»Unter der Sturmfahne der Revolution«

Vor einhundert Jahren – in den Tagen der Novemberrevolution – wurde die Kommunistische Partei Deutschlands gegründet

Vom 30. Dezember 1918 bis zum 1. Januar 1919 tagte im Festsaal des Preußischen Landtags der Gründungskongress der Kommunistischen Partei Deutschlands. Bereits seit der Konferenz der Spartakusgruppe Mitte Oktober 1918 hatte die Frage der Schaffung einer eigenen Partei, außerhalb der USPD, der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei, die im April 1917 von Gegnern der Kriegspolitik der alten SPD gegründet worden war, im Mittelpunkt zahlreicher Diskussionen gestanden. Allerdings setzten viele führende Mitglieder der Spartakusgruppe, die sich am 11. November 1918 als Spartakusbund konstituierte, noch immer auf eine Revolutionierung der USPD und damit auf die Möglichkeit, auch künftig innerhalb einer Massenpartei als eigenständige Kraft handeln zu können. Doch die Ereignisse in den Tagen und Wochen nach dem Sturz der Monarchie und der Ausrufung der Republik machten deutlich, dass die Führung der USPD nicht wirklich bereit war, über den Ruf nach »reiner Demokratie« hinauszugehen und die Forderung großer Teile der revolutionären Bewegung nach der Schaffung einer wirklichen Räterepublik in Deutschland zu unterstützen. Deutlich wurde das in der Mitwirkung namhafter Vertreter der USPD im »Rat der Volksbeauftragten«, der vom Sozialdemokraten Friedrich Ebert dominierten »Revolutionsregierung«, aber auch im Auftreten der Vertreter der USPD in den Arbeiter- und Soldatenräten, die in den Tagen der Novemberrevolution spontan in vielen Teilen Deutschlands entstanden waren, die aber nach den Vorstellungen der Spitzen von SPD und USPD ihre selbsterkämpften Kompetenzen möglichst schnell an eine verfassunggebende Nationalversammlung abtreten sollten.

Am 14. Dezember 1918 veröffentlichte Rosa Luxemburg unter dem Titel »Was will der Spartakusbund?« den Entwurf eines künftigen Parteiprogramms. Denn es war inzwischen unübersehbar geworden, dass die Führung der USPD unter keinen Umständen zu einem politischen Kurswechsel bereit war und dass damit für den Spartakusbund die Entscheidung über die Gründung einer eigenen Partei unmittelbar auf der Tagesordnung stand.

Am 22. Dezember 1918 beschloss der Spartakusbund daher die Einberufung einer Reichskonferenz nach Berlin, auf der es um die Krise der USPD, das Programm des Spartakusbundes und das Verhältnis zu einer künftigen Nationalversammlung gehen sollte.

Bereits eine Woche später, am 29. Dezember 1918, trat die Konferenz zusammen, an der zunächst 83 Delegierte aus 46 Orten, elf Mitglieder der Zentrale des Spartakusbundes, drei Vertreter des Roten Soldatenbundes, ein Vertreter der Jugend und 16 Zuhörer teilnahmen. Nach kurzer Diskussion sprach sich die übergroße Mehrheit – gegen drei Stimmen – für die Gründung einer eigenständigen marxistischen Partei aus.

An den nachfolgenden Beratungen nahmen auch die 29 Vertreter der Internationalen Kommunisten Deutschlands teil, einer linksradikalen Gruppierung aus dem norddeutschen Raum, die bereits am 5. Dezember 1918 in ihrer Zeitung »Der Kommunist« erklärt hatte: »Wir werden uns mit allen unseren Kräften einsetzen: für Spartakus!« Am 24. Dezember 1918 hatte die Reichskonferenz der Internationalen Kommunisten präzisiert: »Die Einigung der beiden Organisationen wird kategorisch gefordert durch die Gesamtlage der deutschen Revolution.«

»Wenn wir heute auseinandergehen«, hatte Karl Liebknecht in seiner Rede zum Auftakt des Parteitags erklärt, »muß eine neue Partei gegründet sein, eine Partei, die im Gegensatz zu den scheinsozialistischen Parteien steht. […], im Gegensatz zu den Parteien, die das Wort Sozialismus mißbrauchen, um die Massen zu verwirren und den herrschenden Klassen in die Hände zu arbeiten, eine Partei, die entschlossen und rücksichtslos die Interessen des Proletariats vertritt, eine Partei, die geschlossen und einheitlich zusammengesetzt ist im Geiste und im Willen, eine Partei, die ein klares Programm hat.«

Spätestens bei der Diskussion um die Teilnahme der neuen Partei an den Wahlen zur Nationalversammlung, die am 19. Januar 1919 stattfinden sollten, wurde allerdings deutlich, dass die KPD noch einen weiten Weg vor sich hatte, um zu einem »klaren Programm« zu kommen: Entgegen der ausdrücklichen Forderung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht sprach sich der Parteitag gegen eine Teilnahme an den Wahlen aus.

Doch diese – taktische – Niederlage konnte Rosa Luxemburg in ihrer Überzeugung nicht erschüttern, »daß heute der beste Teil des deutschen Proletariats unter unserer Fahne, unter der Sturmfahne der Revolution marschiert und wir auch drüben, wo die Konterrevolution noch zu herrschen scheint, unsere Anhänger und künftigen Mitkämpfer besitzen.«

Autor: Ronald Friedmann
Ausgedruckt am: 20. Juli 2019
Quelle: www.ronald-friedmann.de/ausgewaehlte-artikel/2018/unter-der-sturmfahne-der-revolution/