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Ausgewählte Artikel - 2014
JahrBuch für Forschungen ...* - September 2014

Kommunisten im tragischen Dreieck

Rezension zu: Ulla Plener, Kommunisten im tragischen Dreieck: Persönlichkeit - Bewegung – Partei. Reflexionen aus biografischer Forschung über den konterrevolutionären Terror in der Sowjetunion 1937-1941, Nora Verlag, Berlin 2012

Für Ulla Plener ist die vollständige Negation der Persönlichkeit, die Zerstörung der Individualität und des Individuums, eines der charakteristischen Merkmale stalinistischer Herrschaftsmethoden. Im Mittelpunkt ihrer wissenschaftlichen Arbeit in den vergangenen knapp fünfundzwanzig Jahren standen deshalb einzel- und gruppenbiographische Forschungen, in deren Rahmen sie sich mit dem Schicksal von Opfern des »konterrevolutionären Terrors in der Sowjetunion 1937-1941«, so der Untertitel des hier zu besprechenden Buches, befaßte. Das vorliegende Buch enthält eine repräsentative Auswahl von fünfzehn unverändert aktuellen Publikationen aus den Jahren 1990 bis 2007, die im genannten Zeitraum bereits in einschlägigen Zeitschriften und Sammelbänden erschienen sind.

Wenig überraschend wählte Ulla Plener als Einstieg die erweiterte Fassung einer profunden Studie aus dem Jahre 1994, die der »Negation der Persönlichkeit« als »Grundlage des stalinistischen Massenterrors« gewidmet ist (S.7). Hier erläutert sie auch ihren methodischen Ansatz, der sich im Begriff des »tragischen Dreiecks« widerspiegelt: »Seit Jahren spüre ich Lebensläufen von Menschen nach, die, vorwiegend um 1900 geboren, vom Beginn der kommunistischen Bewegung des 20. Jahrhunderts an dieser aus Überzeugung gefolgt waren - und später von ihr, genauer: von ihrem Parteiapparat (oder mit seiner Hilfe) misshandelt und zugrunde gerichtet, der besten Jahre ihres Lebens beraubt und/oder aus ihr ausgestoßen wurden. Nicht bei allen, doch bei sehr vielen verbindet sich dieses Schicksal mit dem Aufenthalt in der Sowjetunion in den dreißiger Jahren: Die einen fanden den Tod unter Kugeln oder in Lagern des NKWD, die anderen verbrachten dort bis zu zwanzig Jahren ihres Lebens in Lagern und Verbannung. Von den Überlebenden hatte ein geringerer Teil danach mit der Bewegung gebrochen, die meisten hielten ihr bis an ihr Lebensende die Treue. Wer waren diese Menschen? Warum und wie kamen sie zur kommunistischen Bewegung, wurden Mitglied einer kommunistischen Partei? Was brachten sie an Ideen und Wünschen in die Bewegung ein, auf welche Weise wirkten sie in ihr? Wie gestalteten sich ihre Beziehungen zu ›der Partei‹ (und das hieß: zu ihrem Apparat)? Welchen Anteil hatte diese(r) an der Tragik ihres Schicksals? Was bewog sie, der Bewegung treu zu bleiben - oder sie zu verlassen? Wie lebten sie - wie starben sie? Wollte man die Lebenserfahrung dieser Kommunisten zusammenfassen so wird deutlich, dass ihre Schicksale sich in einem tragischen Dreieck zwischen Persönlichkeit, Bewegung und Partei (letztere verkörpert durch ihren Apparat) bewegten.« (S. 7 f.)

Auch der nachfolgende Aufsatz »Massenterror, Einzelschicksal und Persönlichkeitsnegation im Parteikommunismus« hat Übersichtscharakter: Er befaßt sich gruppenbiographisch mit den Opfern des Terrors und dessen Folgen (S. 59).

In weiteren Aufsätzen schildert Ulla Plener das Schicksal des Facharbeiters Richard Ulbricht (S. 69), des Funktionärs der Internationalen Arbeiterhilfe Joseph Schneider (S. 91), des Arztes Mirko Beer, dessen Biographie sie 2009 als Buch veröffentlicht hat (S. 108), sowie des Reformpädagogen Helmut Schinkel (S.118). Auch zwei Frauen hat Ulla Plener eigene Beiträge gewidmet: Karla Flach (S. 169) und Wanda Bronska-Pampuch (S. 183).

Es gehört zum bevorzugten Arbeitsstil von Ulla Plener, ihre Arbeiten durch sorgfältig ausgewählte und präzise übersetzte Akten des NKWD zu illustrieren. Beispielhaft dafür stehen die »Auskünfte einer NKWD-Akte über letzten Weg und Tod deutscher Kommunisten«, in denen es u.a. um den Thälmann-Intimus und langjährigen Zweiten Vorsitzenden des RFB Willy Leow geht. (S. 136), sowie der Aufsatz »Was in der SU geschieht, ist ungeheuerlich …«, in dem sie auf der Grundlage von Akten des NKWD über deutsche Facharbeiter berichtet, die unter dem Vorwurf des »Brandlerismus« Opfer des Terrors wurden (S 151).

In gewisser Weise untypisch für dieses Buch ist ein Aufsatz auf dem Frühjahr 1994, der August Thalheimer gewidmet ist. Anlaß für das Entstehen dieses Aufsatzes waren mehrere Publikationen, u.a. von Theodor Bergmann, die zum 110. Geburtstag Thalheimers erschienen waren. Ulla Plener skizziert das Bild eines »kritischen Kommunisten«, der – gemeinsam mit Heinrich Brandler u.a. – bereits in den frühen zwanziger Jahren Alternativen zu einer stalinistisch geprägten Politik der KPD und der kommunistischen Bewegung in und außerhalb Deutschlands aufzeigte.

Von besonderem Interesse sind die abschließenden »Thesen für Diskussion«, die völlig zu Unrecht - beinahe versteckt - am Ende des Buches plaziert wurden: Ulla Plener unternimmt den Versuch, auf gerade einmal zwei Seiten eine wissenschaftlich-historische Definition des Begriffes »Stalinismus« zu formulieren, die nicht, wie leider viel zu oft, von politischen oder gar tagespolitischen Interessen und Bedürfnissen bestimmt wird.

* JahrBuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung

Letzte Änderung: 1. Februar 2020