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Ausgewählte Artikel - 2012
Disput - März 2012

»Wer Hindenburg wählt ...«

Vor 80 wurde Reichspräsident von Hindenburg wiedergewählt - als Kandidat der SPD

Im Frühjahr 1932 war allen politischen Beobachtern klar, dass die Weimarer Republik vor ihrer Endkrise stand. Der Reichstag war in allen Fragen der täglichen Politik längst entmachtet und zum nahezu willenlosen Anhängsel für eine Reichsregierung verkommen, die nur noch mit Notverordnungen des Reichspräsidenten regierte. In dieser Situation war Reichskanzler Heinrich Brüning, ein Politiker der rechtskonservativen, ganz überwiegend katholischen Zentrumspartei, bestrebt, die nach Ablauf der siebenjährigen Amtszeit anstehende Neuwahl des Reichspräsidenten zu umgehen. Seine Idee war es, durch einen Beschluss des Reichstages die Amtszeit des greisen Generalfeldmarschalls Paul von Hindenburg um eine unbestimmte Zeit zu verlängern oder zumindest seine (indirekte) Wiederwahl durch eine einfache Mehrheit der Reichstagsabgeordneten zu sichern. Doch dazu war eine Änderung der Weimarer Verfassung erforderlich, und Brüning sah keine Chance, eine entsprechende Mehrheit sicherzustellen. Insbesondere Hitler spielte sich als Hüter der Verfassung auf, denn er selbst wollte für das Reichspräsidentenamt kandidieren und so seinen Weg an die Spitze des deutschen Staates vollenden. Dass er dabei das Auseinanderbrechen der erst wenige Monate zuvor mühsam zusammengezimmerten rechtsextremistischen »Harzburger Front« aus Nazipartei, Deutschnationaler Volkspartei (DNVP), »Stahlhelm« und weiteren kleineren Gruppierungen riskierte, spielte für ihn keine Rolle. Er glaubte sich stark genug, das Ziel allein erreichen zu können.

Am 1. Februar 1932 konstituierte sich in Berlin der großbürgerliche sogenannte Hindenburg-Ausschuss, dem unter anderen der Vorsitzende des Reichsverbandes der deutschen Industrie, Carl Duisberg, angehörte. Dieser Ausschuss hatte es sich zur Aufgabe gemacht, ein Bündnis zu formieren, das die Wiederwahl Hindenburgs sicherstellen sollte. Dazu waren allerdings nicht nur die Stimmen der vielen Wähler der Zentrumspartei erforderlich, die 1925 Hindenburg noch mehrheitlich abgelehnt hatten, sondern auch die Stimmen der sozialdemokratischen Wähler.

Der Parteivorstand der SPD hatte bereits sehr früh auf die Benennung eines eigenen Kandidaten verzichtet und damit begonnen, die Mitgliedschaft der Partei auf eine bedingungslose Unterstützung Hindenburgs zu orientieren, um so – getreu der beinahe schon traditionellen sozialdemokratischen »Politik des kleineren Übels« – Hitler zu verhindern. Ernst Heilmann, ein führender Sozialdemokrat, der 1940 im KZ Buchenwald ermordet wurde, hatte dazu öffentlich erklärt, dass die Sozialdemokratie »alles zu tun [habe], um die Wahl eines Nazireichspräsidenten zu verhindern, eine Wahl, die für Deutschland ebenso wie für die Arbeiterklasse den Untergang bedeutete, und alles dran zu setzen, dass in der Wilhelmstraße ein verfassungstreuer Reichspräsident amtet. Das ist das Ziel, und alles andere ist Nebensache.«

Die Möglichkeit eines breiten antifaschistischen Bündnisses mit einem gemeinsamen Kandidaten, der eine Alternative sowohl zu Hitler als auch zu Hindenburg gewesen wäre, hatte die Führung der SPD von Anfang an ausgeschlossen. Für die KPD gab es deshalb unter den gegebenen Umständen nur die Möglichkeit, einen eigenen Kandidaten aufzustellen: Sie nominierte ihren Parteivorsitzenden Ernst Thälmann. Den Wahlkampf führte die KPD unter der bis heute berühmten Losung »Wer Hindenburg wählt, wählt Hitler, wer Hitler wählt, wählt den Krieg.« Es gehört zur Tragik in der Geschichte der KPD, dass sich gerade diese Losung, im Gegensatz zu vielen anderen, die mit großer Kraft und Begeisterung vertreten wurden, mit aller schrecklichen Konsequenz als richtig erwies.

Der erste Wahlgang fand am 13. März 1932 statt. Um die Wahl bereits in dieser ersten Runde zu entscheiden, hätte einer der Kandidaten die absolute Mehrheit der abgegebenen Stimmen erhalten müssen. Doch Hindenburg kam nur auf 49,6 Prozent. Hitler lag mit 30,2 Prozent deutlich abgeschlagen auf dem zweiten Platz. Thälmann, gegen den die Führung der SPD mit der Losung angetreten war, jede Stimme für Thälmann sei eine Stimme für Hitler, hatte respektable 13,2 Prozent erzielt. Theodor Duesterberg, der Kandidat der »Reste« der vormaligen »Harzburger Front«, spielte mit 6,8 Prozent keine Rolle.

Bereits am 10. April 1932 fand der zweite Wahlgang statt. Hindenburg hatte mit einer Notverordnung alle politischen Veranstaltungen für die Ostertage verboten, so dass sich der Wahlkampf auf die knappe Woche vor dem Wahltag konzentrierte. Bei einer Wahlbeteiligung von 83,4 Prozent erhielt Hindenburg nun 53,1 Prozent der Wählerstimmen, auf Hitler entfielen 36,7 Prozent. Thälmann konnte sein Ergebnis aus dem ersten Wahlgang nicht wiederholen und erreichte nur noch 10,1 Prozent.

Die Führung der SPD feierte den Erfolg Hindenburgs als ihren Sieg. Der bereits zitierte Ernst Heilmann verstieg sich sogar zu der Behauptung, dass die Wiederwahl des einstigen kaiserlichen Generalfeldmarschalls »ein großer Sieg der Partei, ein Triumph der Demokratie« gewesen sei.

Nur zehn Monate später wurde der tödliche Irrtum der SPD auch für die letzten sozialdemokratischen Unterstützer Hindenburgs unübersehbar. Am 30. Januar 1933 ernannte Hindenburg, gedrängt von einflussreichen Kräften aus Politik und Wirtschaft, die verborgen, aber wirksam im Hintergrund agierten, Hitler zum Reichskanzler. Das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte begann.

Letzte Änderung: 10. April 2012