Neues Deutschland - 7. April 2012

Umfaller

Nach 37 Jahren konnte jetzt das Schicksal der sowjetischen Mondsonde »Luna 23« geklärt werden

Der US-amerikanische »Lunar Reconnaissance Orbiter«, der »LRO«, der seit Juni 2009 mit modernster Technik an Bord auf wechselnden Umlaufbahnen den Mond umkreist, hat bisher mehr als 192 Terabyte an Daten, Fotos und Karten zur Erde übermittelt, eine Datenmenge, die etwa 41.000 herkömmlichen DVDs entspricht. Auf Grundlage dieser Informationen wurden in jüngster Zeit nicht nur wesentliche neue Erkenntnisse zur Geschichte des Mondes gewonnen, sondern - und das ist ein durchaus erwünschtes Nebenprodukt - auch zur Geschichte der Mondforschung: Mit Hilfe der vielen Tausend hochaufgelösten Fotos der Mondoberfläche, auf denen sich Einzelheiten von weniger als einem Meter Größe erkennen lassen, war es inzwischen möglich, die exakten Landeplätze aller sechs bemannten Mondlandemissionen der USA zu lokalisieren. Die entsprechenden Aufnahmen zeigen nicht nur die auf der Mondoberfläche zurückgebliebenen Abstiegsstufen der Mondfähren, sondern zum Beispiel auch die »finalen Parkplätze« der Rover, die den Astronauten bei den Missionen »Apollo 15« bis »Apollo 17« zur Verfügung standen. Selbst die Fußspuren, die die Astronauten bei ihren »Ausflügen« in die nähere Umgebung der Mondfähren hinterließen, sind zu erkennen. (Daß auch diese Fotos nicht geeignet sind, Anhänger einer Verschwörungstheorie, der zufolge die sechs Mondlandungen zwischen 1969 und 1972 lediglich von »Hollywood« auf der Erde inszeniert wurden, vom Gegenteil zu überzeugen, kann allerdings als sicher gelten.)

Vor zwei Jahren wurden schließlich auch die beiden ferngesteuerten sowjetischen Mondrover »Lunochod 1« und »Lunochod 2« gefunden, die im September 1970 bzw. Januar 1973 auf den Mond gebracht worden waren und dort bei ihren spektakulären Forschungsmissionen insgesamt fast 48 Kilometer zurücklegten.

Jetzt konnte mit Hilfe der Fotos des »LRO« auch das Schicksal der unbemannten sowjetischen Mondsonde »Luna 23« geklärt werden, die im November 1974 weich auf dem Mond - im Mare Crisium - gelandet war, zu der aber bereits wenige Minuten nach der Landung der Funkkontakt abbrach. »Luna 23« war, wie zuvor auch schon die erfolgreichen Mondsonden »Luna 16« und »Luna 20«, mit einem mechanischen Arm ausgerüstet, mit dessen Hilfe eine Bodenprobe entnommen werden sollte, die mit einer speziellen Rückkehrkapsel zur Erde gebracht werden sollte. Doch schon auf den über Funk übermittelten Befehl, den Arm auszufahren, gab es keine Reaktion der Mondsonde - trotz einer erfolgreichen Landung mußte die Mission als Fehlschlag verbucht werden. Bereits im November 1974 vermuteten die sowjetischen Wissenschaftler und Techniker, die an dem Projekt beteiligt waren, daß die Mondsonde, die zwar weich, aber dennoch mit zu hoher Geschwindigkeit gelandet war, bei der Landung buchstäblich umgefallen war. Diese Vermutung wurde nun durch ein Foto des »LRO«, das vor wenigen Tagen veröffentlicht wurde, bestätigt: »Luna 23« liegt auf der Seite, Landestufe und Rückkehrteil sind noch immer fest miteinander verbunden.

Im August 1976 gelang es mit der Sonde »Luna 24«, die nur 2,3 Kilometer von »Luna 23« entfernt landete, die beim ersten Anlauf gescheiterte Mission mit Erfolg zu Ende zu führen: 170 Gramm Mondgestein wurden zur Erde gebracht. Doch auch in diesem Fall blieb ein über Jahrzehnte ungelöstes Rätsel, und wieder war es es der »LRO«, der zur Lösung beitrug: Das Mondgestein, das »Luna 24« zur Erde gebracht hatte, war geologisch anders beschaffen, als es im Mare Crisium eigentlich zu erwarten gewesen wäre. Fotos des »LRO« haben nun gezeigt, daß »Luna 24« am Rande eines vergleichsweise jungen Kraters gelandet war und daß die Sonde eine Probe eingesammelt hatte, die bei der Entstehung dieses Kraters aus tieferen Schichten an die Oberfläche des Mondes gelangt war.

Ein andere Frage ist allerdings noch immer ungeklärt, doch es ist sehr wahrscheinlich, daß es auch in diesem Fall bereits in allernächster Zeit eine Antwort geben wird: Wo genau befindet sich eigentlich die sowjetische Sonde »Luna 9«, die am 3. Februar 1966 als erster von Menschenhand gebauter Flugkörper am Rande des Oceanus Procellarum weich auf dem Mond landete?

Autor: Ronald Friedmann
Ausgedruckt am: 19. Juni 2024
Quelle: www.ronald-friedmann.de/ausgewaehlte-artikel/2012/umfaller/