Disput - Mai 2012

Trang Bang

Vor vierzig Jahren entstand eines der berühmtesten Fotos der Pressegeschichte - es half, den Vietnamkrieg zu beenden

Die Landschaft im Hintergrund ist kaum zu erkennen, überall ist schwarzer Rauch. Doch man weiß sofort: Vietnam. Fünf Kinder flüchten auf einer Straße, hinter ihnen - auch auf der Flucht - Uniformierte, doch geschützt durch ihre Stahlhelme. In der Mitte des Bildes ein kleines Mädchen, gerade neun Jahre alt. Vollkommen nackt. Voller Panik. Das Gesicht verzerrt vor Angst und Schmerz. Napalm. Bomben. Krieg.

Schon in dem Augenblick, als er auf den Auslöser seiner Kamera drückte, wußte der gerade erst 21 Jahre alte Huynh Cong »Nick« Ut, daß er an diesem 8. Juni 1972 nahe der kleinen südvietnamesischen Ortschaft Trang Bang das wohl wichtigste Foto seines Lebens geschossen hatte.

Die US-amerikanische Nachrichtenagentur AP, für die er arbeitete, hatte ihn in den Süden von Südvietnam geschickt, um über den Krieg zu berichten. Und dieser Krieg war überall: Bereits seit sieben Jahren versuchten US-amerikanische Truppen mit Flächenbombardements, dem Einsatz von Napalm und chemischen Kampfstoffen den Widerstand der vietnamesischen Befreiungsbewegung zu brechen, die seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs für die Unabhängigkeit ganz Vietnams kämpfte, und so das Saigoner Marionettenregime zu stabilisieren, das die US-Regierung zur Wahrung »globaler Interessen« in Südvietnam eingesetzt hatte.

Doch Opfer des militärischen Terrors aus der Luft und am Boden war fast immer die Zivilbevölkerung. Mindestens drei Millionen Vietnamesen starben an den Folgen des Krieges, weitere zwei Millionen wurden zu Krüppeln und mindestens ebenso viele trugen durch den massiven Einsatz von dioxinhaltigen »Entlaubungsmitteln« bleibende Schäden davon, an denen noch heutige Generationen leiden.

Mit seinem Wagen brachte Ut das schwerverletzte, vor Schmerzen unaufhörlich schreiende Mädchen in ein nahegelegenes Krankenhaus. Aber die Ärzte dort gaben ihr keine Überlebenschance, mehr als ein Drittel ihrer Körperoberfläche war verbrannt. Sie verlegten das Mädchen in ein Zimmer für sterbende Kinder, weil sie ihre Kraft und Zeit für Verwundete brauchten, die überleben konnten. Doch drei Tage später lebte das Mädchen immer noch. Inzwischen hatten seine Eltern es gefunden und flehten um Hilfe für ihre Tochter, deren Namen man nun auch im Krankenhaus kannte: Phan Thi Kim Phúc.

Zunächst wurden die großflächigen Wunden gesäubert, dann folgten dutzende schmerzhafte Operationen: Gesunde Haut wurde aus dem Körper geschnitten und an besonders stark verbrannte Stellen transplantiert. Wochenlang lag das Mädchen in einem Gipsverband, um der Haut die Möglichkeit zur Heilung zu geben. Dann viele Monate Physiotherapie, bei denen jede Bewegung wieder grausame Schmerzen bereitete, denn die neue und die alte, inzwischen vernarbte Haut sollten wieder geschmeidig werden. Nach vierzehn Monaten konnte Phan Thi Kim Phúc endlich wieder nach Hause zu ihren Eltern und Geschwistern.

Der Leiter des Büros von AP in Saigon entschied noch am selben Tag, das von Nick Ut geschossene Foto für die Veröffentlichung freizugeben - er hatte zunächst Bedenken gehabt, ob man das Bild eines nackten Kindes den puritanischen Zeitungslesern in den USA zumuten konnte. Bereits in den folgenden Tagen erschien das Foto auf den Titelseiten nahezu aller großen US-amerikanischen und internationalen Tageszeitungen. Es wurde zum »Pressefoto des Jahres« 1972, und im selben Jahr erhielt Nick Ut auch den renommierten Pulitzerpreis.

Doch wichtiger war, daß das Foto dazu beitrug, den Zweifel an der Rechtmäßigkeit und am Sinn des Vietnamkrieges in der US-amerikanischen Öffentlichkeit weiter wachsen zu lassen. Mehr als eine halbe Million junge US-Amerikaner, unter ihnen überproportional viele Schwarze und Latinos, waren in einen Krieg fernab ihrer Heimat gejagt worden, den sie nicht verstanden und den sie nicht verstehen konnten. 58.000 von ihnen waren gefallen, hunderttausende waren verwundet und verkrüppelt worden. Und ein Ende des sinnlosen Sterbens in Vietnam war nicht abzusehen.

Und nun machte das Foto eines den Schrecken eines Angriffes mit Napalm hilflos ausgelieferten Kindes deutlich, welches Elend der Krieg über die einfachen Menschen brachte. Was machte es da für einen Unterschied, daß der Bombenangriff, dessen Opfer Phan Thi Kim Phúc geworden war, von südvietnamesischen Piloten geflogen worden war: Die Flugzeuge und die Bomben waren in den USA produziert worden, und auch der Einsatzbefehl war aus den USA gekommen.

Der breite Widerstand gegen den Vietnamkrieg, der sich bereits seit dem Ende der sechziger Jahre in den USA formiert hatte, bekam neuen Auftrieb. Die US-Regierung mußte sich auf die Suche nach einem Weg aus dem Krieg begeben: Am 27. Januar 1973 unterzeichneten in Paris Vertreter der US-Regierung und der Regierung Hanoi ein Friedensabkommen, Ende April 1975 wurde das Marionettenregime in Saigon gestürzt, am 1. Mai 1975 war der Vietnamkrieg nach dreißig Jahren zu Ende.

Nach dem Abschluß der Schule begann Phan Thi Kim Phúc ein Studium, zunächst in der Hauptstadt Hanoi, dann auf Kuba. Dort lernte sie ihren späteren Ehemann kennen, einen vietnamesischen Kommilitonen. Die Hochzeitsreise führte beide nach Moskau. Auf dem Rückflug setzte sich das junge Paar bei einer Zwischenlandung in Neufundland ab und beantragte politisches Asyl in Kanada. Phan Thi Kim Phúc wollte wohl ein Leben führen, in dem ihre ganz persönlichen Leiden nicht Gegenstand regelmäßiger öffentlicher Erörterung war. Doch schließlich begriff sie, daß ihr Schicksal auch ein Verpflichtung war: Aussöhnung und Frieden, vor allem aber der Einsatz für Kinder als Opfer von Kriegen, sieht sie heute als ihre Lebensaufgabe.

Vierzig Jahre nach dem schicksalhaften 8. Juni 1972 lebt Phan Thi Kim Phúc mit ihrem Mann und den zwei Kindern in Toronto. Und Huynh Cong »Nick« Ut ist noch immer Photograph für AP, er lebt und arbeitet jetzt in Los Angeles.

Hinweis

Das Foto, um das es in diesem Artikel geht, unterliegt strengen Copyright-Bestimmungen und kann hier deshalb hier nicht abgebildet werden. Es ist jedoch mit jeder Suchmaschine mit dem Suchbegriff »Trang Bang« im Internet zu finden.

Autor: Ronald Friedmann
Ausgedruckt am: 19. Juni 2024
Quelle: www.ronald-friedmann.de/ausgewaehlte-artikel/2012/trang-bang/