Disput - Januar 2012

Abel gegen Powers

Vor 50 Jahren fand auf der Glienicker Brücke der erste Agentenaustausch statt

Sie ist nicht so berühmt wie die Tower Bridge in London oder die Golden Gate in San Francisco. Doch sie fehlt in keiner Geschichte der Spionage während des Kalten Krieges: die Glienicker Brücke im Südwesten Berlins. Denn vor genau 50 Jahren war diese Brücke Schauplatz eines aufsehenerregenden Agentenaustausches. Nach monatelangen, streng vertraulichen Verhandlungen, bei denen der DDR-Rechtsanwalt Wolfgang Vogel eine maßgebliche Rolle spielte, ging das Spektakel - gut abgeschirmt vor den neugierigen Augen der Öffentlichkeit - über die Bühne.

In den frühen Vormittagsstunden des 10. Februar 1962, um genau 8.44 Uhr, wurde zunächst der US-Amerikaner Francis Gary Powers von sowjetischen Geheimdienstoffizieren zur Mitte der Brücke begleitet und dort den offiziellen Vertretern der US-Regierung übergeben.

Powers war knapp zwei Jahre zuvor, am 1. Mai 1960, bei einem Spionageflug über der Sowjetunion in der Nähe von Swerdlowsk abgeschossen worden. Er war mit seiner speziell für diesen Zweck gebauten und ausgerüsteten U-2 im pakistanischen Peshawar gestartet und sollte im norwegischen Bodø, nach einem Flug von etwa 5.500 Kilometern, landen. Während des mehrere Stunden dauernden Überflugs über das Territorium der Sowjetunion sollte er Fotos von streng geheimen militärischen Einrichtungen anfertigen. Solche Spionageflüge gehörten in der Zeit des Kalten Krieges zum Alltag. Mit einer Flughöhe von nicht weniger als 22 Kilometern galten die U-2-Spionageflugzeuge aus US-amerikanischer Sicht als unerreichbar für die sowjetische Luftabwehr. Doch an diesem 1. Mai 1960 kam erstmals eine neuentwickelte Boden-Luft-Rakete zum Einsatz: Die U-2 wurde getroffen und stürzte ab. Powers konnte sich mit dem Fallschirm retten, doch er versäumte es, befehlsgemäß den Selbstzerstörungsmechanismus seiner Maschine auszulösen. In den USA nahm man an, Powers sei getötet und das von ihm gesteuerte Flugzeug vollkommen zerstört worden. Daher versuchte die US-Regierung zunächst, den Zwischenfall herunterzuspielen. Doch am 7. Mai 1960 wurden in Moskau öffentlichkeitswirksam der aussagebereite Pilot und zahlreiche Ausrüstungsgegenstände präsentiert, die an einer Spionagemission keinerlei Zweifel ließen. Am 11. Mai übernahm US-Präsident Eisenhower persönlich die Verantwortung für den Einsatz der U-2, doch er lehnte eine förmliche Entschuldigung bei der Sowjetunion ab. Der sowjetische Partei- und Regierungschef Nikita Chruschtschow sagte deshalb ein für den 16. Mai in Paris geplantes Gipfeltreffen kurzfristig ab. Wieder war eine Chance für die Entspannung vertan.

Wenige Monate später, am 19. August 1960, wurde Powers in Moskau wegen Spionage zu zehn Jahren Haft verurteilt.

Sechs Minuten nach Powers, um genau 8.50 Uhr, betrat ein Mann, der sich selbst Rudolf Abel nannte, die Glienicker Brücke und ging, von mehreren US-Offiziellen eskortiert, zu seinen Genossen vom sowjetischen Geheimdienst. Erst Jahre später wurde bekannt, dass dieser Mann, ein sowjetischer Staatsbürger, 1903 in Großbritannien geboren worden war und eigentlich William Fischer hieß. Seit 1949 hatte er als sogenannter Illegaler unter verschiedenen Namen und mit verschiedenen Identitäten in den USA gelebt und dort ein höchst effektives Spionagenetz aufgebaut, das nicht nur auf dem Territorium der USA operierte, sondern Kontakte bis nach Mittel- und Südamerika unterhielt. Wichtigste Aufgabe dieses Netzes war die Beschaffung von politischen, militärischen und wissenschaftlich-technischen Informationen über die Atomrüstung der USA.

Im Juni 1957 wurde der Mann verhaftet, nur durch den Verrat seines engsten Mitarbeiters war es dem FBI gelungen, ihm auf die Spur zu kommen. Bei seiner Verhaftung gab er den Namen Rudolf Abel an. Der sowjetische Geheimdienst wusste so, dass sein wichtigster Mitarbeiter in den USA keine Aussagen machen würde. Denn der tatsächliche Rudolf Abel, der ebenfalls für den sowjetischen Geheimdienst gearbeitet hatte, war bereits seit vielen Jahren tot, er war der beste Freund von William Fischer gewesen.

Im Oktober 1957 wurde in New York Anklage gegen Rudolf Abel erhoben, vier Wochen später fand der Prozess statt. Belastbare materielle Beweise gab es nicht, schon gar kein Geständnis. Trotzdem verurteilte ihn das Gericht auf der Grundlage zahlreicher Indizien zu einer Haftstrafe von 30 Jahren.

Powers arbeitete nach seiner Rückkehr in die USA zunächst als Testpilot, dann als Hubschrauberpilot für einen Fernsehsender in Los Angeles. 1977 kam er bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben. Zwar wurde er auf dem Nationalfriedhof in Arlington beigesetzt, doch wirklich verziehen hat man ihm in den USA seine Rolle bei dem Zwischenfall mit der U-2 nie.

Rudolf Abel, eigentlich William Fischer, arbeitete bis zu seiner Pensionierung weiter für den sowjetischen Geheimdienst. Hochgeehrt starb er 1971 in Moskau. Sein Grabstein auf dem Donskoi-Friedhof trägt beide Namen: Rudolf Abel und William Fischer.

Entgegen der wiederholten Darstellung in einschlägigen Spionagefilmen trafen sich Abel und Powers übrigens nicht beim Überqueren der Glienicker Brücke und tauschten dort gedankenschwere Blicke aus, sie haben sich bestenfalls aus der Ferne gesehen.

Autor: Ronald Friedmann
Ausgedruckt am: 19. Juni 2024
Quelle: www.ronald-friedmann.de/ausgewaehlte-artikel/2012/abel-gegen-powers/