Disput - Mai 2010

Zucker und Erdöl

Vor fünfzig Jahren nahmen Kuba und die Sowjetunion diplomatische Beziehungen auf, die USA reagierten mit Sanktionen

Der Mai 1960 war ein besonders heißer Monat im Kalten Krieg: Während am Vormittag des 1. Mai 1960 in Moskau die vielen hunderttausend Teilnehmer der traditionellen Mai-Demonstration am Lenin-Mausoleum vorbei über den Roten Platz zogen, schoß die sowjetische Luftabwehr nahe Swerdlowsk mit einer neuentwickelten Boden-Luft-Rakete ein US-amerikanisches Spionageflugzeug vom Typ U-2 ab. Der Pilot Gary Powers überlebte, und entgegen den Erwartungen seiner Auftraggeber in Washington entzog er sich der Gefangennahme nicht durch Selbstmord. Er betätigte nicht einmal den Selbstzerstörungsmechanismus seines Flugzeuges, so daß die sowjetische Regierung am 7. Mai 1960 nicht nur den aussagewilligen Piloten der Öffentlichkeit präsentieren konnte, sondern auch handfeste materielle Beweise für seinen Spionageauftrag vorlegen konnte. Nikita Chruschtschow, der sowjetische Partei- und Regierungschef, verlangte von US-Präsident Dwight D. Eisenhower umgehend eine offizielle Entschuldigung, und als diese erwartungsgemäß ausblieb, sagte Chruschtschow ein seit längerem geplantes Gipfeltreffen in Paris ab.

Äußerlich weniger dramatisch verlief ein anderes Ereignis jener Tage, das allerdings - im Unterschied zu dem Zwischenfall mit der U-2 - Folgen hatte, die in gewisser Weise bis heute weiterwirken: Am 8. Mai 1960 nahmen Kuba und die Sowjetunion diplomatische Beziehungen auf.

Dieser Schritt kam keineswegs unerwartet, er war im Grunde von den USA provoziert worden, doch in Washington reagierte man hysterisch.

Den Sieg der kubanischen Rebellen um Fidel Castro über den verhaßten US-hörigen Diktator Fulgencio Batista knapp anderthalb Jahre zuvor hatte man in den USA noch ohne große Sorge gesehen. Auf Grund jahrzehntelanger Erfahrungen glaubte man davon ausgehen zu können, daß sich die neue kubanische Regierung sehr schnell mit dem großen Nachbarn im Norden arrangieren würde. Doch entgegen den Erwartungen in den USA machten Fidel Castro und seine Mitkämpfer ihre in der Zeit des bewaffneten Kampfes gegebenen Versprechen wahr: Im Verlaufe des Jahres 1959 wurde die Zuckerindustrie, auch damals schon der wichtigste Industriezweig Kubas, verstaatlicht. Die großen Zuckerplantagen wurden aufgelöst und der Boden den Bauern zur eigenen Nutzung übergeben. Eine Entschädigung, wie von der US-Regierung gefordert, erhielten die vormaligen Eigentümern nicht.

Die USA stellten daraufhin ihre Erdöllieferungen nach Kuba ein, ein massiver Angriff auf die wirtschaftliche Überlebensfähigkeit des Landes. Die kubanische Regierung war nun gezwungen, sehr schnell nach Alternativen zu suchen.

Im Februar 1960 besuchte erstmals eine hochrangige sowjetische Handelsdelegation unter Leitung des stellvertretenden Regierungschefs Anastas Mikojan die Inselrepublik, und bei dieser Gelegenheit wurde ein für Kuba außerordentlich vorteilhafter Wirtschaftsvertrag abgeschlossen: Die Sowjetunion verpflichtete sich, fünf Jahre lang jährlich mindestens eine Million Tonnen Zucker in Kuba zu kaufen, und sie erklärte sich bereit, Kuba mit Erdöl zu einem Preis zu versorgen, der ein Drittel unter dem Weltmarktpreis lag.

Als unmittelbare Antwort auf diesen Vertrag weigerten sich die auf Kuba ansässigen US-amerikanischen Erdölraffinerien, mit massiver Rückendecklung seitens der Regierung in Washington, das aus der Sowjetunion gelieferte Erdöl zu verarbeiten. In dieser dramatischen Situation blieb der kubanischen Regierung nur der Ausweg, im Verlaufe des Sommers 1960 schrittweise nun auch die US-amerikanischen Erdölunternehmen zu enteignen und in staatliches kubanisches Eigentum zu überführen.

Die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zur Sowjetunion und der Austausch von Botschaftern war aus Sicht der US-Regierung daher wohl nur noch der sprichwörtliche Tropfen, der das Faß endgültig zum Überlaufen brachte: Am 17. Mai 1960 stellten die USA zunächst ihre jährliche Wirtschaftshilfe für Kuba in Höhe von 200 Millionen US-Dollar ein, die noch in vorrevolutionärer Zeit vereinbart worden war. Am 13. Oktober 1960 schließlich verhängten die USA ein erstes Exportembargo gegen Kuba, das bis zum 7. Februar 1962 schrittweise zu einem totalen Wirtschaftsembargo ausgebaut wurde: Dieses totale Wirtschaftsembargo ist heute, ein halbes Jahrhundert und ein knappes Dutzend US-Präsidenten später, noch immer in Kraft.

Doch der Kampf der US-Regierung gegen die kubanische Revolution lief nicht nur auf der wirtschaftlichen Ebene - auch Mord und Terror sowie die Vorbereitung einer militärischen Intervention gehörten bereits im Verlauf des Jahres 1960 zu einem konterrevolutionären Repertoire, das ständig weiter ausgebaut wurde. Am 4. März 1960 beispielsweise explodierte im Hafen von Havanna an Bord eines belgischen Schiffes eine Bombe, die siebzig Menschen tötete und mehr als hundert verletzte. Im April 1960 autorisierte der damalige US-Präsident Eisenhower die CIA offiziell, mit der Ausbildung und Entsendung exilkubanischer Terroristen und Saboteure zu beginnen und gleichzeitig exilkubanische paramilitärische Einheiten aufzustellen, die – mit aktiver US-amerikanischer Unterstützung - zu einer Invasion der Insel in der Lage wären. Im Juni 1960 drohte die US-Regierung erstmals öffentlich mit einer militärischen Intervention auf Kuba, im Gegenzug sicherte die sowjetische Regierung Fidel Castro und seinen Mitkämpfern militärische Hilfe zu.

Trotzdem blieb das Jahr 1960 noch vergleichsweise friedlich. Erst ein knappes Jahr später – im April 1961 - kam es auf Befehl des neuen und in der westlichen Welt zum Hoffnungsträger stilisierten US-Präsidenten John F. Kennedy zur sogenannten Invasion in der Schweinebucht, die für die USA und ihre exilkubanischen Söldner mit einem Fiasko endete. Doch das ist schon eine andere Geschichte.

Autor: Ronald Friedmann
Ausgedruckt am: 16. Juli 2024
Quelle: www.ronald-friedmann.de/ausgewaehlte-artikel/2010/zucker-und-erdoel/