JahrBuch für Forschungen ...* - September 2009

Walter Ulbricht und Gerhart Eisler

Skizze einer seltsamen Freundschaft

Im Jahre 1981 erschien im Berliner Dietz Verlag, dem parteieigenen Verlag der SED, ein Buch, das eine bemerkenswerte Vorgeschichte hatte: "Auf der Hauptstraße der Weltgeschichte".(1) Bei diesem Buch handelte es sich um eine Auswahl von Artikeln, Reden und Kommentaren von Gerhart Eisler (1897-1968), der interessierten Öffentlichkeit vor allem als langjähriger Vorsitzender des Staatlichen Rundfunkkomitees der DDR bekannt. Diesen Texten von Gerhart Eisler aus den Jahren 1956 bis 1968 vorangestellt war ein Vorwort, das mit "Der Verlag" gezeichnet war. Vervollständigt wurde das Buch durch eine biographische Skizze, die Hilde Eisler, die Witwe von Gerhart Eisler, verfaßt hatte.

Ursprünglich war vorgesehen gewesen, dieses Buch bereits im Jahre 1970 herauszugeben. Auf der Leipziger Buchmesse war bereits ein Blindband ausgelegt worden. Doch die neuen Entwicklungen im Verhältnis zwischen der DDR und der BRD, die mit den Besuchen von Willy Brandt im März 1970 in Erfurt und Willi Stoph in Kassel im Mai 1970 ihre damaligen Höhepunkte hatten, ließen die Veröffentlichung dieser ausgesprochen polemischen Texte aus der Feder von Gerhart Eisler als nicht opportun erscheinen: Der Verzicht auf die Herausgabe des Buches zu diesem Zeitpunkt reihte sich ein in eine Vielzahl von Maßnahmen, die in der Bevölkerung der DDR spöttisch als "Brandt-Schutzwochen" bezeichnet wurden.(2)

Erstaunlich ist, daß das Buch 1981, also elf Jahre später, dann doch noch erschien und daß sogar das Vorwort nahezu unverändert übernommen wurde, obwohl in der ursprünglichen Fassung des Buches immerhin der vormalige Staats- und Parteichef Walter Ulbricht als Autor des Vorwortes genannt worden war.

Hervorzuheben in der von Walter Ulbricht im Jahre 1970 autorisierten Fassung des Vorworts ist vor allem ein Satz, der in der Fassung von 1981 aus naheliegenden Gründen nicht veröffentlicht wurde: "Es war kein Zufall, daß Gerhart [Eisler] zu meinem engsten Freundeskreis gehörte." Und faktisch als Erläuterung und Begründung für die vorangegangene Aussage: "Mehr als vier Jahrzehnte haben wir als verantwortliche Funktionäre der revolutionären Arbeiterbewegung in den vordersten Reihen am Klassenkampf teilgenommen."(3)

Tatsächlich hatten Walter Ulbricht und Gerhart Eisler seit Anfang der zwanziger Jahre immer wieder politisch eng zusammengearbeitet oder waren auf andere Weise durch politische Ereignisse und Entwicklungen miteinander verbunden gewesen. In den sechziger Jahren gehörten sie zu den nur noch ganz wenigen Spitzenfunktionären der SED, die bereits in den zwanziger Jahren zur engeren Führung der KPD gehört hatten. Doch ob man das Verhältnis von Walter Ulbricht und Gerhart Eisler in der DDR tatsächlich als Freundschaft bezeichnen kann, wird wohl eine Streit- und Interpretationsfrage bleiben. Ein Zeitzeuge, der Walter Ulbricht und Gerhart Eisler Ende der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre immer wieder im Umgang miteinander erlebte, beschrieb diese Beziehung mit den Worten: "Da war mehr als nur die Verbindung über die Partei."(4) Und auch die Berichte anderer Zeitzeugen bestätigen diese Einschätzung.(5)

Sein auf jeden Fall besonderes Verhältnis zu Walter Ulbricht hatte für Gerhart Eisler zur Folge, daß er in bestimmten kritischen Situationen in den frühen Jahren der DDR den Schutz und die Protektion Ulbrichts genoß und daß er in den folgenden Jahren immer wieder Einfluß auf wichtige gesellschaftspolitische Entscheidungen nehmen konnte, wobei dieser Einfluß weit über den Rahmen seiner jeweiligen offiziellen Funktion hinausging.

Gerhart Eisler wurde am 20. Februar 1897 in Leipzig in der Familie des österreichischen Philosophen Rudolf Eisler (1873-1926) geboren. Seine Geschwister waren Elfriede Eisler (1895-1960), die unter dem Namen Ruth Fischer in der ersten Hälfte der zwanziger Jahre eine führende Rolle in der KPD spielte, später dann aber auf explizit antikommunistische Positionen wechselte, und Johannes Eisler (1898-1962), der unter dem Namen Hanns Eisler einer der bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts wurde. Seine Kindheit und Jugend verbrachte Gerhart Eisler in Wien, wo er in den Jahren unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg über die Wiener Jugendkulturbewegung um Siegfried Bernfeld(6), einer "Mischung von bürgerlicher und sozialistischer Bewegung der Mittelschüler"(7), wie er es selbst beschrieb, bereits früh Kontakt zur sozialistischen Bewegung in Österreich hatte.

Vom Frühjahr 1915 bis zum Herbst 1918 nahm der erklärte Kriegsgegner Gerhart Eisler als mehrfach hochdekorierter(8) Angehöriger des österreichisch-ungarischen Heeres, zuletzt mit dem Dienstgrad eines Oberleutnants und der Dienststellung eines Zugführers, am Ersten Weltkrieg teil. Faktisch seine gesamte Dienstzeit verbrachte er an der sogenannten Isonzo-Front, einer Hochgebirgsfront im heutigen Dreiländereck von Österreich, Italien und Slowenien.

Anfang November 1918, unmittelbar nach dem Sturz der Monarchie und der Ausrufung der Republik Österreich, konnte Gerhart Eisler nach Wien zurückkehren, wo er sich sofort der wenige Tage zuvor - unter maßgeblicher Mitwirkung seiner Schwester - gegründeten Kommunistischen Partei Deutsch-Österreichs (KPDÖ) anschloß. Bereits zu diesem frühen Zeitpunkt war er vor allem als Journalist tätig, so u.a. für die KPDÖ-Zeitung "Der Weckruf"(9). Seine wichtigste Aufgabe war die Herausgabe der (kurzlebigen) theoretischen Zeitschrift der KPDÖ "Der Kommunismus", für die er von Anfang 1920 bis Mitte 1921 verantwortlich zeichnete.

Mitte 1921 wurde Gerhart Eisler, vermutlich auf Initiative von Ernst Meyer, nach Berlin gerufen, wo er ursprünglich die Herausgabe der theoretische Zeitschrift der KPD, "Die Internationale", leiten sollte. Tatsächlich arbeitete er zunächst als Redakteur der "Roten Fahne", der Tageszeitung der KPD. Zeitweise war er für die Herausgabe der Abendausgabe der "Roten Fahne" verantwortlich.

Beeinflußt durch seine Schwester vertrat Gerhart Eisler zunächst linke und ultralinke Positionen, doch im April 1923 gehörte er gemeinsam mit Arthur Ewert, Heinz Neumann und Hans Pfeiffer zu den Begründern einer innerparteilichen Plattform, der sogenannten Mittelgruppe, die sich zwischen den widerstreitenden Parteilinken um Ruth Fischer und Arkadij Maslow und den Parteirechten um Heinrich Brandler und August Thalheimer positionierte.

Im Frühsommer 1923 wurde Gerhart Eisler Oberbezirksleiter der KPD für die mitteldeutschen Bezirke und damit offiziell der Verantwortliche der Parteizentrale für die Anleitung und Kontrolle der politischen und organisatorischen Arbeit der Bezirksleitungen der KPD in Sachsen, Thüringen, Halle-Merseburg, Mecklenburg und Kassel. In dieser Eigenschaft war er aller Wahrscheinlichkeit nach maßgeblich an der Vorbereitung des "Deutschen Oktober 1923" beteiligt, des vor allem in Moskau beschlossenen und geplanten gescheiterten Aufstandsversuchs der KPD, mit dem die politische Machtübernahme durch die KPD in Deutschland eingeleitet werden sollte. Allerdings geben die überlieferten Dokumente und Zeitzeugenberichte keinen Aufschluß darüber, welche Rolle Eisler tatsächlich in diesem Zusammenhang spielte. Es kann jedoch als sicher gelten, daß Eisler und Ulbricht in dieser Zeit erstmals enger zusammenarbeiteten, denn Ulbricht war in den Jahren zuvor in verantwortlicher Position in Thüringen tätig gewesen, bevor er nach dem Leipziger (8.) Parteitag der KPD im Januar/Februar 1923 in die Zentrale nach Berlin geholt wurde.

Nach der Übernahme der Führung der KPD durch die Ultralinken um Ruth Fischer und Arkadij Maslow im Frühjahr 1924, einer unmittelbaren Folge der Niederlage der KPD in den Herbstkämpfen 1923, wurde Gerhart Eisler - ebenso wie Walter Ulbricht - politisch kaltgestellt und von der Arbeit in der KPD weitgehend ausgeschlossen. In dieser Zeit war Eisler u.a. "Referent über Deutschland für sowjetrussische Stellen"(10), wie er 1932 in einem handschriftlichem Lebenslauf schrieb, der in seiner Kaderakte im Moskauer Komintern-Archiv aufbewahrt wird.

Mit dem Wechsel der Parteiführung von Ruth Fischer und Arkadij Maslow auf Ernst Thälmann und zunächst auch Philipp Dengel im Sommer und Herbst 1925 kehrte auch Gerhart Eisler in die hauptamtliche Tätigkeit im Apparat der KPD zurück.

Politisch orientierte er sich nun an der gemäßigt "rechten" Gruppe um Ernst Meyer und Arthur Ewert, die dem "linken" Kurs der Gruppe um Ernst Thälmann zwar kritisch gegenüberstand, diese jedoch in der Auseinandersetzung mit den ultralinken Kräften innerhalb der KPD unterstützte. Auf dem Essener Parteitag im März 1927, dem "Parteitag der Konzentration", wurde Gerhart Eisler, der sich zu dieser Zeit wegen seiner Rolle im Herbst 1923 in Berlin-Moabit in Untersuchungshaft befand, als Kandidat, also nichtstimmberechtigtes Mitglied, in das ZK der KPD gewählt, wobei diese Funktion keineswegs dem Einfluß entsprach, den er tatsächlich in der Führung der KPD ausübte.

Im Februar 1928 gehörte Gerhart Eisler zu den Unterzeichnern des geheimen Abkommens, das am Rande einer erweiterten Tagung des Exekutivkomitees der Komintern in Moskau von den Delegationen der KPdSU (B) und der KPD unterzeichnet wurde. Dieses Abkommen, das unmittelbarer Ausdruck der Machtkämpfe zwischen Stalin und Nikolai Bucharin in der Führung der KPdSU war, erklärte nunmehr die "Parteirechten" zur Hauptgefahr. Mehr noch, schon die "Duldsamkeit gegenüber den Trägern der rechten Gefahr in der Partei" wurde als unvereinbar mit der Zugehörigkeit zur Kommunistischen Partei erklärt, der "Kampf gegen die rechte Gefahr in der Partei" damit zur vordringlichsten Aufgabe erhoben.(11) Das in Moskau unterzeichnete Abkommen bedeutete somit eine vollkommene Abkehr von den Beschlüssen des Essener Parteitages. Es gehörte zur Perfidie des ganzen Vorganges, daß das Abkommen nicht nur geheim und unter Umgehung aller statutenmäßigen Gremien der beiden Parteien zustande kam und daß der Inhalt des Abkommens den Betroffenen offiziell nicht zur Kenntnis gegeben wurde, sondern daß zu den Unterzeichnern auch Funktionäre beider Parteien gehörten, gegen die das Abkommen ganz offensichtlich in erster Linie gerichtet war: So unterschrieb auf sowjetischer Seite neben Stalin beispielsweise auch Bucharin, auf deutscher Seite waren es nicht nur Thälmann und Dengel, die ihre Unterschrift unter das Abkommen setzten, sondern auch Eisler und Ewert.

Der Sechste Weltkongreß der Kommunistischen Internationale im Sommer 1928 stand bereits vollkommen im Zeichen der begonnenen Verdrängung der sogenannten Parteirechten und Versöhnler aus der kommunistischen Bewegung. Das zeigte sich auch und vor allem bei den Vorgängen innerhalb der Delegation der KPD. Die Mehrzahl der persönlichen Angriffe der Gruppe um Ernst Thälmann während des 6. Weltkongresses richtete sich gegen Arthur Ewert, der als Mitglied des Politischen Sekretariats der KPD und Reichstagsabgeordneter eine sehr exponierte Position hatte. Doch auch Gerhart Eisler wurde das Ziel von persönlichen Attacken. Walter Ulbricht beispielsweise erklärte in seiner Diskussionsrede: "Das Zentralkomitee hat nach dem Essener Parteitag mit allen Kräften versucht, die Konzentrierung der Kräfte der Partei durchzuführen und hat fast alle Genossen, die früher zur rechten Gruppe gehörten, in verantwortlichen Funktionen beschäftigt. Aber einige dieser Genossen haben systematisch versucht, diese Funktionen auszunutzen, um ihren falschen politischen Standpunkt zum Standpunkt der Kommunistischen Partei zu machen. Das nennt man auf deutsch Fraktionsarbeit. Und diese Fraktionsarbeit der rechten Gruppe wurde mehr oder weniger von der Gruppe um Gerhart [Eisler] ausgenutzt, damit sie ihre Positionen ausbauen können."(12)

Keineswegs im Widerspruch zu diesem Auftreten Ulbrichts gegen Eisler steht die Feststellung von Rosa Leviné-Meyer, der Witwe von Ernst Meyer, daß Gerhart Eisler Mitte der zwanziger Jahre ein "Gefolgsmann von Walter Ulbricht"(13) war. Ulbricht war schon zu dieser Zeit ein versierter Taktiker, der in kritischen Augenblicken durchaus in der Lage war, jähe Wendungen durchzuführen und sich dabei auch gegen vormalige Weggefährten zu stellen. Deutlich wurde das nicht zuletzt bei den Ereignissen in Zusammenhang mit der sogenannten Wittorf-Affäre im September und Oktober 1928, wo sich Ulbricht rechtzeitig auf die Seite der späteren Sieger schlug.

Bei der Wittorf-Affäre, die durch zahlreiche überlieferte Dokumente umfassend belegt und durch die Forschung inzwischen in vielen Aspekten behandelt worden ist, handelte es sich um einen Korruptionsskandal in der Hamburger KPD, von dem der Parteivorsitzende Ernst Thälmann zwar wußte, über den er das ZK jedoch nicht informiert hatte. Für Gerhart Eisler, Arthur Ewert und andere Angehörige der fälschlicherweise als Versöhnler bezeichneten vormaligen Mittelgruppe in der KPD war die Affäre eine willkommene Gelegenheit, die Auseinandersetzungen um den weiteren politischen Kurs der Partei, die sie im Sommer 1928, während des Sechsten Kominternkongresses in Moskau, eigentlich schon verloren hatten, mit einem spektakulären kaderpolitischen Beschluß neu zu beginnen: Auf eigenen Wunsch wurde Ernst Thälmann vom ZK einstimmig bis zu einer Klärung seiner Rolle bei der Behandlung der Wittorf-Affäre durch die Komintern von seiner Funktion als Parteivorsitzender entbunden. Gerhart Eisler setzte durch, daß über diese Entscheidung des ZK umgehend eine Presseerklärung veröffentlicht wurde.

Stalin und seine Gefolgsleute in der Komintern nutzen die Affäre allerdings sofort und wirksam zu einem Gegenschlag: Thälmann wurde vollständig rehabilitiert, seine Gegenspieler weitgehend ausgeschaltet. Bereits am 1. Oktober 1928 entschied Stalin persönlich, daß Gerhart Eisler "aus dem ZK ausgeschlossen und aus Deutschland abberufen werden" müsse.(14)

Im November 1928 verließ Eisler Deutschland, um sich in Moskau auf seine nachfolgende mehrjährige Tätigkeit als Vertreter der Komintern in China vorzubereiten: Getarnt als Salzhändler arbeitete er von Ende Februar oder Anfang März 1929 bis zum Januar 1931 in Shanghai und anderen chinesischen Städten.

Neben der allgemeinen Sicherheitslage in China - der seit Jahren anhaltende weiße Terror bedrohte auch die westlichen Unterstützer der chinesischen kommunistischen Bewegung - war die Tätigkeit Eislers in China vor allem durch die Erfahrungen der Führung der KP Chinas mit früheren Abgesandten der Komintern belastet.(15) Hinzu kam, daß die chinesische Führung sehr schnell auf eigenen, von Moskau unabhängigen Kanälen erfahren hatte, welche Umstände zur Entsendung von Gerhart Eisler nach China geführt hatten, daß es sich für ihn also im Grunde um eine Verbannung aus Deutschland handelte.

Zu den Themen, mit denen Eisler sich in China befaßte, gehörte beispielsweise der Aufbau eigenständiger, also kommunistischer Gewerkschaften, wie er zu dieser Zeit von der Komintern von allen Kommunistischen Parteien, unabhängig von der konkreten politischen Lage in den verschiedenen Ländern, gefordert wurde. Und Eisler war schon sehr frühzeitig in die internen Auseinandersetzungen der KP Chinas involviert, bei denen es um die Frage ging, welche Kraft - das Proletariat in den Städten oder die kleinen Bauern auf dem Land - die tragende Rolle bei einer künftigen Revolution in China spielen würde.

Nach seiner Rückkehr aus China wurde Eisler Mitarbeiter des Anglo-Amerikanischen Sekretariats der Komintern in Moskau. Unmittelbar nach dem Reichstagsbrand im Februar 1933 äußerte er die Bitte, zur illegalen Arbeit nach Deutschland zurückkehren zu dürfen. Doch diese Bitte wurde abschlägig beschieden, obwohl Eisler bereits 1932 "in Moskau eine lange Aussprache mit Ernst Thälmann [gehabt hatte], in der ich rückhaltlos alle meine Fehler zugab [und] Ernst Thälmann damit einverstanden [war], daß ich nach einiger Zeit zur Parteiarbeit nach Deutschland zurückkehre", wie Eisler 1951 in einem Lebenslauf berichtete.(16)

Im Frühjahr 1933 war Eisler maßgeblich an der Erarbeitung eines "Offenen Briefes" der Führung der KP der USA an die Mitglieder der Partei beteiligt, mit dem nach jahrelangen parteiinternen Fraktions- und Flügelkämpfen ein politischer Neuanfang der Partei bewirkt werden sollte. Von Frühsommer 1933 bis zum Frühsommer 1936 arbeitete Eisler unter dem Decknamen Edwards illegal als offizieller Vertreter der Komintern in den USA, wobei seine wesentliche Aufgabe darin bestand, wie er 1953 in einem Bericht für die Zentrale Parteikontrollkommission der SED schrieb, "in den Vereinigten Staaten der amerikanischen Kommunistischen Partei [zu] helfen ..., die im Offenen Brief formulierten Aufgaben durchzuführen."(17) 1935 nahm er unter dem Namen John Gerhart als offizielles Mitglied der Delegation der KP der USA am Siebenten Weltkongreß der Kommunistischen Internationale in Moskau teil. Bei dieser Gelegenheit wurde in Gesprächen u.a. mit Georgi Dimitroff und Wilhelm Pieck entschieden, daß Gerhart Eisler wieder zur Arbeit in der KPD zugelassen werden würde.

Im Sommer 1936 arbeitete Eisler zunächst einige Monate mit Wilhelm Pieck, Walter Ulbricht u.a. Funktionären der KPD in der neugeschaffenen Auslandsleitung in Prag, dann kurze Zeit in Paris, bevor er im Herbst 1936, wenige Wochen nach Beginn des Bürgerkriegs, nach Spanien ging. Dort wirkte er maßgeblich am Aufbau des "Deutschen Freiheitssender 29,8" mit, der vom Januar 1937 bis zur Niederlage der Spanischen Republik im März 1939 regelmäßig auf Kurzwelle nach Deutschland sendete. Eisler verließ Spanien allerdings bereits im Sommer 1937 wieder, um in Paris im Auslandssekretariat der KPD zu arbeiten, das im Februar 1937 im Gefolge einer faktischen Auflösung der vormaligen Führungsstrukturen der KPD geschaffen worden war. Leiter des Auslandssekretariats war zunächst Ulbricht. Eisler war, wie zuvor auch schon Prag, vor allem publizistisch tätig. So arbeitete er weiterhin für den "Freiheitssender 29,8", schrieb aber auch für die illegal in Deutschland verbreitete "Rote Fahne". Vor allem jedoch war er für die Chefredaktion der theoretischen Zeitschrift der KPD "Die Internationale" verantwortlich. Ganz offensichtlich pflegten Ulbricht und Eisler zu dieser Zeit sehr enge Arbeitsbeziehungen, denn Herbert Wehner, der 1935, auf der Brüsseler Konferenz der KPD, als Kandidat in das Politbüro gewählt worden war, beklagte noch in seinen 1946 verfaßten "Notizen", als er längst aus der KPD ausgeschlossen und Mitglied der SPD war, daß Walter Ulbricht in Prag und Paris Gerhart Eisler "bedeutend mehr Zeit und Aufmerksamkeit" gewidmet habe als "den mit ihm von der Konferenz in die neue Leitung gewählten Genossen."(18)

Ende August 1939, wenige Tage vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, wurde Gerhart Eisler in Paris verhaftet. Nach mehreren Wochen Einzelhaft kam er Ende September oder Anfang Oktober 1939 in das in ein Internierungslager umfunktionierte vormalige Pariser Tennisstadion "Roland Garosse", wo er faktisch alle Mitglieder des Auslandssekretariats der KPD, das nach der Rückberufung Ulbrichts nach Moskau unter Leitung von Franz Dahlem gestanden hatte, wiedertraf. Zwei Wochen später wurden die Internierten in das berüchtigte Lager "Le Vernet" im französischen Pyrenäenvorland gebracht, wo Eisler mehr als ein Jahr eingesperrt blieb. Um den Jahreswechsel 1940/1941 wurden Eisler und weitere Internierte in die Gegend von Marseille verlegt, von wo aus sie ihre Ausreise aus Frankreich und die Überfahrt nach Mexiko betreiben konnten, das allen ehemaligen Spanienkämpfern, unabhängig von ihrer Staatsangehörigkeit, Asyl gewährt hatte.

Ende Mai gelang Eisler an Bord eines französischen Frachtschiffes die Ausreise aus Frankreich, doch während eines notwendigen Zwischenaufenthaltes in New York wurde ihm und weiteren antifaschistischen deutschen Emigranten die Weiterreise nach Mexiko untersagt. Gerhart Eisler war daher gezwungen, die Jahre des Exils - entgegen seinen ursprünglichen Plänen - in den USA zu verbringen, wo die Bundespolizei FBI im Hinblick auf seine politische Vergangenheit schon sehr frühzeitig begann, ihn regelmäßig und umfassend zu überwachen.

Gerhart Eisler zählte ohne Frage zu den bedeutendsten Publizisten der antifaschistischen deutschen Emigration. Diesen Ruf verdankte er nicht nur seiner umfangreichen und vielfältigen Arbeit für die Exilpresse der KPD, also beispielsweise die "Rote Fahne", die "Internationale" und die "Deutsche Volkszeitung", oder den "Deutschen Freiheitssender 29,8", sondern in nicht geringerem Maße auch den vielen deutsch- und englischsprachigen Artikeln für US-amerikanische Zeitungen und Zeitschriften, die in den Jahren des unfreiwilligen Exils in den USA ab 1941 entstanden, auch wenn der übergroße Teil dieser Veröffentlichungen ungezeichnet oder unter einem Pseudonym erscheinen mußte und erst in späteren Jahren Gerhart Eisler zugeordnet werden konnte. Die wohl wichtigste Arbeit in diesem Zusammenhang leistete er bei der Herausgabe der Zeitschrift "The German American", die erstmals im Mai 1942 erschien. Vom ersten Tag des Bestehens an waren Gerhart Eisler und seine Mitstreiter bestrebt, den "German American" zu einem Sammelbecken aller Hitlergegner in den USA zu machen. Als sich im Mai 1944 schließlich der "Council for a Democratic Germany"(19) konstituierte, in dem sich deutsche Emigranten aus einem breiten politischen Spektrum zusammenfanden, um Probleme der Entwicklung Deutschlands nach dem Ende des Krieges und dem Sturz der Hitlerdiktatur zu diskutieren, wurde die Zeitschrift zur - allerdings inoffiziellen - publizistischen Plattform des "Council".

Unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs beantragte Gerhart Eisler bei den zuständigen US-Behörden eine Genehmigung für die Ausreise aus den USA und die Rückkehr nach Deutschland. Im Sommer 1946 gelang es ihm schließlich, nach wiederholten erfolglosen Bemühungen, diese Genehmigung zu erhalten. Doch buchstäblich nur Stunden vor Abreise des sowjetischen Frachtschiffes, mit dem er nach Europa zurückkehren wollte, wurde die Ausreisegenehmigung zurückgezogen und Gerhart Eisler wurde zum Mittelpunkt einer großangelegten antikommunistischen Kampagne unter Federführung des FBI, die über Wochen und Monate hinweg die Öffentlichkeit in den USA beschäftigte.

Eisler wurde zum Vorwurf gemacht, "Boss aller Roten in Amerika" und der "Kommunist Nummer 1 der USA" zu sein. Grundlage für die Kampagne waren vor allem Aussagen ehemaliger Mitglieder der KP der USA, die Eisler aus seiner Zeit als Beauftragter der Komintern in den USA kannten und um seine Rolle wußten und die inzwischen die Seiten gewechselt hatten und nun mit dem FBI und anderen US-Regierungsbehörden zusammenarbeiteten, aber auch Veröffentlichungen und Aussagen seiner Schwester Ruth Fischer, die ebenfalls in den USA lebte und arbeitete und dort beste Kontakte zu führenden Kreisen der Regierung unterhielt.

Im Februar 1947 wurde Eisler als Zeuge in eigener Sache vor das " Komitee für Unamerikanisches Verhalten" des US-amerikanischen Kongresses geladen. Da Eisler darauf bestand, vor der Vereidigung eine persönliche Erklärung abzugeben, wurde das Verhör nach wenigen Minuten abgebrochen und es wurde entschieden, Eisler wegen "Mißachtung des Kongresses" anzuklagen. Bei diesem Vorgang spielte der spätere US-Präsident Richard Nixon eine maßgebliche Rolle, der damals seine erste Wahlperiode als Mitglied des Kongresses absolvierte.

Neben der Anklage wegen "Mißachtung des Kongresses" wurde gegen Eisler ein weiteres Gerichtsverfahren eingeleitet, bei dem es um ein Paßvergehen aus der Mitte der dreißiger Jahre ging: Für die Reise nach Moskau zum Siebenten Weltkongreß der Komintern im Moskau im Sommer 1935 hatte Eisler einen gefälschten US-amerikanischen Paß benutzt. Und es war ein drittes Verfahren wegen Steuerhinterziehung in Vorbereitung: Tatsächlich hatte Eisler die monatliche Unterstützung von knapp 100 US-Dollar, die er als politischer Flüchtling von dem der KP der USA nahestehenden "Joint Antifascist Refugee Committee" erhielt, nicht in seiner jährlichen Einkommenssteuererklärung angegeben.

Im Rahmen der gegen ihn laufenden Kampagne war Eisler mehrmals in Untersuchungshaft genommen worden. Zudem war er mehrere Monate in Ellis Island, dem Gefängnis der US-Einwanderungsbehörde in New York, interniert gewesen, obwohl es seitens der Behörden keine Absicht gab, ihn ins Ausland abzuschieben. Bis zum Frühsommer 1949 wurde Eisler in zwei Verfahren schließlich zu insgesamt vier Jahren Haft und einer hohen Geldstrafe verurteilt. Der Zeitpunkt, zu dem diese Urteile vollstreckbar wurden, stand unmittelbar bevor. Er selbst hatte, nach eigener Aussage, alle Möglichkeiten, die ihm zur Verfügung standen, ausgeschöpft, um in der Öffentlichkeit gegen die gegen ihn erhobenen Vorwürfe vorzugehen.(20)

Am 6. Mai 1949 verließ Gerhart Eisler deshalb als blinder Passagier an Bord des polnischen Passagierschiffes "Batory" illegal die USA und kehrte Anfang Juni 1949 - nach einer kurzzeitigen Inhaftierung in Großbritannien - über Prag in die damalige sowjetische Besatzungszone Deutschlands zurück.

Im Juli 1949 wurde er Mitglied des Parteivorstandes der SED, doch bereits zu diesem frühen Zeitpunkt scheiterten die Bestrebungen Wilhelm Piecks, Eisler auch zum Mitglied des Politbüros, also des engsten Führungszirkels der Partei, zu machen, am Widerstand aus Moskau, wo der vormalige "Versöhnler" und "Bruder der Trotzkistin Ruth Fischer"(21) weiterhin als politisch verdächtig galt.(22)

Im September 1949 wurde Gerhart Eisler Leiter der Verwaltung für Information bei der Deutschen Wirtschaftskommission, aus der wenige Wochen später die Provisorische Regierung der DDR hervorging.(23)

Am 7. Oktober 1949 konstituierte sich der Deutsche Volksrat, dessen Mitglied Gerhart Eisler seit seiner Rückkehr aus den USA war, als Provisorische Volkskammer der Deutschen Demokratischen Republik und setzte die Verfassung des neuen Staates in Kraft. Am 12. Oktober 1949 wurde die vormalige Verwaltung für Information in das Amt für Information beim Ministerpräsidenten der DDR umgewandelt, mit dessen Leitung wiederum Gerhart Eisler beauftragt wurde. Gerhart Eisler war damit zwar nicht Mitglied der Regierung, wie ursprünglich vorgesehen(24) war, aber in der Folge war er ständiger Teilnehmer aller maßgeblichen Beratungen der Regierung. Protokollarisch gesehen hatte er als Leiter einer direkt dem Regierungschef unterstellten zentralen Behörde den Rang eines Ministers.

In den folgenden Jahren wurde Gerhart Eisler immer wieder Ziel parteiinterner Ermittlungen, deren Hintergrund seine Vergangenheit als "Versöhnler" und sein Status als "Westemigrant" waren. Ihren Ausgangspunkt hatten diese Ermittlungen in Moskau, das sich dabei immer wieder der Zentralen Parteikontrollkommission (ZPKK) der SED unter Hermann Matern bediente, aber beispielsweise auch den sowjetischen Botschafter in der DDR, Wladimir Semjonow, beauftragte, eigene Initiativen gegen Eisler zu ergreifen.(25)

Im Ergebnis dieser Entwicklungen wurde Eisler im Sommer 1950 nicht wieder in die Führung der SED gewählt, im Herbst des Jahres verlor er sein Volkskammermandat, und er wurde aus der operativen Leitung des Amtes für Information entfernt. Im Februar 1951 mußte er sich in einem ganzseitigen Artikel unter dem Titel "Ernst Thälmanns Kampf gegen die Versöhnler", der in der Parteizeitung "Neues Deutschland" veröffentlicht wurde, einer entwürdigenden Selbstkritik unterziehen, die ihm allerdings - vorübergehend - Luft verschaffte.

Ende 1952 wurde das Amt für Information aufgelöst, dessen offizieller Leiter Eisler immer noch war. Anfang Februar 1953 wurde er erneut von einer Untersuchungsgruppe der ZPKK vorgeladen und verhört. Vieles spricht dafür, daß es in dieser Phase darum ging, eine Anklage gegen Eisler in einem möglichen Schauprozeß in der DDR nach Moskauer Vorbild vorzubereiten. Der Tod Stalins und der 17. Juni 1953 verhinderten einen solchen Prozeß, doch der Status von Eisler blieb ungeklärt: Es war ihm weiterhin verboten, Parteifunktionen auszuüben, und er hatte keine feste Anstellung.

In dieser Zeit sorgte Ulbricht persönlich dafür, daß sich Eisler seinen Lebensunterhalt durch politische Arbeit sichern konnte. Er gab immer wieder Analysen und andere Ausarbeitungen bei Eisler in Auftrag, das dafür fällige Honorar wurde Eisler regelmäßig durch einen Fahrer Ulbrichts in die Wohnung gebracht. Ulbricht veranlaßte auch, daß Eisler in der Parteizeitung "Neues Deutschland" schreiben durfte, allerdings erschienen diese Beiträge ausnahmslos ungezeichnet oder unter einem Pseudonym, das keine Rückschlüsse auf den tatsächlichen Autor zuließ. Und schließlich konnte Eisler ab Sommer 1953 als journalistischer Berater und Leiter des außenpolitischen Ressorts der neugegründeten "Wochenpost" arbeiten, die in der DDR sehr schnell große Popularität errang.

Die Maßregelungen Eislers können und müssen deshalb auch unter einem anderen Aspekt gesehen werden: Ulbricht und andere Spitzenfunktionäre waren Anfang der fünfziger Jahre im Rahmen ihrer Möglichkeiten - und ihrer eigenen politischen Interessen - immer wieder bestrebt, bedrohte Genossen zu schützen, zum Beispiel dadurch, daß diese durch Versetzung auf untergeordnete Positionen aus dem Blickfeld der Ermittler in Moskau und Berlin genommen wurden.

Im Herbst 1955 klärte sich schließlich die Situation Eislers: In einem deutlich formulierten Brief an Ulbricht und Matern hatte Eisler eine Entscheidung über sein politisches Schicksal gefordert.(26) Auf Vorschlag Albert Nordens ordnete Ulbricht daraufhin die erneute Berufung Eislers in eine offizielle Funktion an: Eisler wurde Mitglied der Leitung des Staatlichen Rundfunkkomitees.(27)

In der Folge trat Eisler immer häufiger auch als persönlicher Berater Ulbrichts in verschiedenen politischen Fragen in Erscheinung. Ende 1960 erhielt er daher, obwohl zu diesem Zeitpunkt offiziell nur Stellvertreter des Vorsitzenden des Staatlichen Rundfunkkomitees, einen eigenen Sonderfernsprechanschluß, der es ihm ermöglichte, jederzeit auf den besonders geschützten Leitungen des Telefonnetzes der Regierung mit Walter Ulbricht und anderen Mitgliedern der Partei- und Staatsführung zu sprechen.(28) Ulbricht machte es sich sehr bald zur Gewohnheit, täglich gegen 9 Uhr bei Eisler über diesen Sonderfernsprechanschluß anzurufen, um mit ihm die tagesaktuellen politischen Ereignisse in der Welt zu besprechen.(29)

Ulbricht sorgte auch dafür, daß Eisler regelmäßig an Sitzungen des Politbüros teilnahm, und zwar auch bei der Behandlung von Themen, die nichts mit der Arbeit des Staatlichen Rundfunkkomitees zu tun hatten.(30) Auch dadurch hatte Eisler immer wieder die Möglichkeit, auf wichtige politische Entscheidungen Einfluß zu nehmen. Überliefert ist beispielsweise, daß Eisler durch seine Intervention verhindern konnte, daß nach dem 13. August 1961 in der DDR der private Empfang des Westfernsehens unter Strafe gestellt wurde. Als das Vorhaben in der Parteiführung ernsthaft diskutiert wurde, erklärte Eisler, daß dies ohne Frage einen "Rückfall in das Rechtssystem des deutschen Faschismus" bedeuten würde.(31) Diesem Argument konnten die Verfechter einer Strafrechtsänderung nichts entgegensetzen, der Empfang des Westfernsehens, obwohl offiziell in höchstem Maße unerwünscht, blieb straffrei.

Am 8. Dezember 1963 hatte zeitgleich im Rundfunk und Fernsehen der DDR ein neues Sendeformat Premiere, das auf eine Idee Gerhart Eislers zurückging - das "Sonntagsgespräch des Deutschlandsenders". Das Interesse an der Auftaktsendung, in der Walter Ulbricht von Gerhart Eisler sowie Albert Norden und Gerhard Kegel befragt wurde, war in Ost und West gleichermaßen hoch, denn seit Anfang Dezember 1963 liefen zwischen der Regierung der DDR und dem Westberliner Senat Gespräche über das sogenannte Passierscheinabkommen, das es den Westberlinern zu Weihnachten 1963 erstmals seit dem Mauerbau knapp zweieinhalb Jahre zuvor ermöglichte, ihre Verwandten im Ostteil der Stadt zu besuchen. Bemerkenswert an diesem Vorgang ist die Tatsache, daß es eben Gerhart Eisler gewesen war, der bereits ein Jahr zuvor gegenüber Walter Ulbricht die Idee entwickelt hatte, über den Innenminister der DDR dem Senat von Westberlin Verhandlungen über ein solches Passierscheinabkommen anzubieten.(32)

Eine andere Neuerung im Rundfunkprogramm, die gleichfalls auf Gerhart Eisler zurückging, war "DT 64", das Jugendprogramm des "Berliner Rundfunks". "DT 64" war zunächst als befristeter Beitrag des Rundfunks zum dritten "Deutschlandtreffen der Jugend" im Mai 1964 gedacht gewesen. Doch angesichts der großen Resonanz - so hatte Gerhart Eisler persönlich entschieden, daß "DT 64" auch die Musik der bis dahin in der DDR offiziell verpönten Beatles senden durfte und sollte(33) - blieb das "Jugendstudio DT 64", wie es nun hieß, nicht nur fester Programmbestandteil, sondern erhielt zusätzliche tägliche Sendezeit. Mit großem persönlichem Einsatz sicherte Eisler den Fortbestand von "DT 64" auch nach dem 11. Plenum des ZK der SED im Dezember 1965, das wegen seiner verheerenden kulturpolitischen Wirkungen gelegentlich auch als Kahlschlagplenum(34) bezeichnet wird: Obwohl Erich Honecker, der auf diesem Plenum Berichterstatter war, in seiner Rede auch "DT 64" massiv angegriffen hatte, scheute er dennoch den direkten Konflikt mit Gerhart Eisler, der in diesem Fall nicht nur Rückendeckung durch Ulbricht hatte, sondern auch Unterstützung durch die Politbüromitglieder Albert Norden und Kurt Hager erhielt, mit denen er im Exil eng zusammengearbeitet hatte.

Auf dem 7. Parteitag der SED im April 1967 wurde Gerhart Eisler als Mitglied in das Zentralkomitee gewählt. Ulbricht nutzte den Parteitag, um eine gewisse Erneuerung des ZK vorzunehmen, das laut Parteistatut das höchste Gremium zwischen den Parteitagen war. Zwar blieb die entscheidende Position der "Alten Garde", die ihre Verdienste vor allem in den Jahren des antifaschistischen Widerstandskampfes erworben hatte, unangetastet, doch Ulbricht sorgte dafür, daß auch eine größere Zahl - zumeist jüngerer - hochqualifizierter Fachleute, die man mit heutigen Begriffen durchaus als Technokraten bezeichnen könnte, in das ZK aufgenommen wurde. Mit der Wahl von Gerhart Eisler, der 1950 vor allem aufgrund einer Intervention aus Moskau aus der Führung der SED entfernt worden war, verband Walter Ulbricht wohl auch die Absicht, gegenüber der KPdSU ein größeres Maß an Selbständigkeit und Unabhängigkeit zu demonstrieren: Im Oktober 1964 war Leonid Breshnew Generalsekretär der KPdSU geworden, und Walter Ulbricht glaubte in der Folgezeit immer wieder, gegenüber dem knapp 15 Jahre jüngeren Breshnew die Rolle eines "Elder Statesman" spielen zu können.

Wenige Wochen nach dem Parteitag, am 2. Juli 1967, wurde Gerhart Eisler auch in die Volkskammer gewählt: Genau wie seinen Sitz im Parteivorstand der SED hatte er 1950 auch sein Mandat als Volkskammerabgeordneter verloren.

Am 1. Dezember 1967 wurde Gerhart Eisler durch Beschluß der Volkskammer Mitglied der "Kommission der Volkskammer der Deutschen Demokratischen Republik zur Ausarbeitung einer sozialistischen Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik", wie der offizielle Titel des Gremiums lautete. Den Volksentscheid über den Verfassungsentwurf am 6. April 1968, an deren Entstehung und Redaktion er maßgeblich beteiligt war, erlebte Gerhart Eisler nicht mehr: Er starb am 21. März 1968 während einer Dienstreise in Jerewan.

Gerhart Eisler fand seine letzte Ruhestätte auf dem Friedhof der Sozialisten, in einem Urnengrab an der inneren Ringmauer. Eine solche Grabstätte hatte die Führung der DDR für gewöhnlich ihren höchsten Repräsentanten vorbehalten. Auch in diesem Fall ist davon auszugehen, daß die Beisetzung Gerhart Eislers an diesem Ort einem Wunsch Ulbrichts entsprach, der damit ganz offensichtlich seine hohe Wertschätzung für Gerhart Eisler demonstrieren wollte.

Anmerkungen

(1) Gerhart Eisler, Auf der Hauptstraße der Weltgeschichte. Artikel, Reden und Kommentare 1956-1968, Berlin (DDR) 1981.

(2) Vgl. dazu: Hilde Eisler an Franz Dahlem, 15. Februar 1978, SAPMO-BArch, Berlin, NY 4072/176, Blatt 212 ff.

(3) Ebenda, Blatt 218.

(4) Gespräch mit Norbert Podewin am 31. August 2006 in Berlin.

(5) Vgl. dazu z.B.: Herbert Graf, Mein Leben. Mein Chef Ulbricht. Meine Sicht der Dinge, Berlin 2008, Seite 211 und 290.

(6) Vgl. dazu z.B.: Peter Dudek, Fetisch Jugend. Walter Benjamin und Siegfried Bernfeld - Jugendprotest am Vorabend des Ersten Weltkrieges. Bad Heilbrunn 2002.

(7) Nathan Notowicz, Wir reden hier nicht von Napoleon. Wir reden von Ihnen! Gespräche mit Hanns Eisler und Gerhart Eisler, Berlin (DDR) 1971, S. 215.

(8) So wurde Eisler beispielsweise am 20. Oktober 1917 mit "Allerhöchster Entschließung" "Seine[r] Kaiserliche[n] und Königliche[n] Apostolische[n] Majestät" die bronzene "Militärverdienstmedaille am Bande des Militärverdienstkreuzes mit den Schwertern" verliehen. - Verleihungsurkunde für Gerhart Eisler, SAPMO-BArch, Berlin, NY 4117.

(9) Ab dem 15. Januar 1919 erschien die Zeitung unter dem Titel "Die soziale Revolution", ab dem 26. Juli 1919 dann als "Die Rote Fahne".

(10) Biographie, 24. Januar 1932, RGASPI, Moskau, 495/205/154, Blatt 26.

(11) Geheimes Abkommen der Delegationen der KPdSU (B) und der KPD im EKKI, Moskau, 29. Februar 1928, in: Hermann Weber und Bernhard H. Bayerlein, Der Thälmann-Skandal. Geheime Korrespondenzen mit Stalin, Berlin 2003, S 112.

(12) So zitiert in: Ebenda, S. 197.

(13) Vgl. dazu: Rosa Leviné-Meyer, Inside German Communism. Memoirs of Party Life in the Weimar Republic, London 1977, S. 81.

(14) Jossif Stalin: Chiffretelegramm an Wjatscheslaw Molotow, Tuapse, 1. Oktober 1928, in: Hermann Weber und Bernhard H. Bayerlein, a.a.O., S. S. 153 f.

(15) Im Dezember 1927 hatten Heinz Neumann und Besso Lominadse in Kanton im Auftrag Stalins einen erfolglosen bewaffneten Aufstand ausgelöst, bei dessen Niederschlagung rund 25.000 Kommunisten getötet wurden.

(16) Biografie des Genossen Eisler, 13. Juli 1951, SAPMO-BArch, Berlin, DY 30/IV 2/11/V 749, Blatt 107.

(17) Bericht von Gerhart Eisler, 16. April 1953, SAPMO-BArch, Berlin, DY/IV 2/41/155, Blatt 22.

(18) Herbert Wehner, Zeugnis, Köln 1982, S. 164.

(19) Vgl. dazu u.a.:Claus-Dieter Krohn, Der Council for a Democratic Germany, in: Ursula Langkau-Alex und Thomas M. Ruprecht (Hg.), Was soll aus Deutschland werden? Der Council for a Democratic Germany in New York 1944-1945. Aufsätze und Dokumente, Frankfurt am Main und New York 1995.

(20) Vgl. dazu: Bericht von Gerhart Eisler, 16. April 1953, SAPMO-BArch, Berlin, DY/IV 2/41/155, Blatt 50 f.

(21) Schriftlicher Bericht über die Ergebnisse bei der Überprüfung der Mitglieder und Kandidaten der SED und beim Umtausch der Parteidokumente, in: Hermann Weber und Ulrich Mählert (Hg.), Terror. Stalinistische Parteisäuberungen 1936-1953, Paderborn, München, Wien und Zürich 2001, S. 345.

(22) Vgl. dazu: Hermann Axen, Ich war ein Diener der Partei. Autobiographische Gespräche mit Harald Neubert, Berlin 1996, S. 113.

(23) Sitzung des Politbüros am 6. September 1949, SAPMO-BArch, Berlin, DY 30/IV 2/2/42.

(24) In einem undatierten Vorschlag des Politbüros an den Parteivorstand (wahrscheinlich vom September 1949) zur Bildung der (Provisorischen) Regierung der DDR war ursprünglich von 13 Fachministern, unter ihnen Gerhart Eisler als Leiter des Amtes für Information, die Rede. Warum dieser Vorschlag nicht realisiert wurde, ließ sich nicht mehr klären. Vgl. dazu: Wilhelm Pieck, Aufzeichnungen zur Deutschlandpolitik 1945-1953, herausgegeben von Rolf Badstübner, Berlin 1994, S. 304.

(25) Vgl. dazu: Rudolf Herrnstadt an W. S. Semjonow, Auszug aus einem Schreiben vom 28. November 1962, in: Das Herrnstadt-Dokument. Das Politbüro der SED und die Geschichte des 17. Juni 1953, Reinbek bei Hamburg 1990, S. 273.

(26) Brief von Gerhart Eisler an Walter Ulbricht und Hermann Matern vom 27. September 1955, SAPMO-BArch, Berlin, DY 30/IV 2/11/V/749, Blatt 85.

(27) Im Januar 1957 wurde Eisler offiziell stellvertretender Vorsitzender und im März 1962 Vorsitzender des Staatlichen Rundfunkkomitees, das damals sowohl für den Rundfunk als auch für das Fernsehen zuständig war.

(28) Vgl. dazu: Klaus Arnold, Kalter Krieg im Äther. Der Deutschlandsender und die Westpropaganda der DDR, Münster 2002, S. 195.

(29) Gespräch mit Kurt Goldstein am 8. September 2006 in Berlin.

(30) Gespräch mit Achim Becker am 5. September 2006 in Berlin.

(31) Episode: Antennenkrieg, Dokumentation des MDR, 7. Januar 2003, www.mdr.de.

(32) Vgl. dazu: Gerhard Kunze, Grenzerfahrungen. Kontakte und Verhandlungen zwischen dem Land Berlin und der DDR 1949-1989, Berlin 1999, S. 62.

(33) Vgl. dazu: Heiner Stahl, Hausherren von Morgen. Die Jugend- und Medienpolitik der SED und ihre Umsetzung im Jugendstudio DT 64 zwischen 1964 und 1971; in: Kulturation 2/2003 (www.kulturation.de).

(34) Vgl. dazu: Günther Agde (Hg.), Kahlschlag - das 11. Plenum des ZK der SED 1965. Studien und Dokumente, Berlin 1991.

* JahrBuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung

Autor: Ronald Friedmann
Ausgedruckt am: 18. August 2022
Quelle: www.ronald-friedmann.de/ausgewaehlte-artikel/2009/walter-ulbricht-und-gerhart-eisler/